Überfälliger November-Blog

 

Unlangweilige Überfahrt nach Lanzarote

 

Von Javea mit Nachtstop in Alicante weiter bis zum Mar Menor
ging es zu viert (mit Robert und Manfred) in rasanter Fahrt, sehr schnell, aber
auch sehr naß und ruppig.

Am 4.11. erhalten wir über Funk die Erlaubnis, im Yachtport
Cartagena längsseits anzulegen. Berti „schwänzelt“ die Largyalo seitwärts in
die (gefühlt 22m breite) Lücke zwischen einem großen Rahsegler und einer
Motoryacht.

Robert hält hochkonzentriert den Bug-Festmacher, ich flitze
hochnervös mit einem Fender von hinten nach vorne, je nachdem, wo wir uns und
andere gerade gefährden,– mein Bordingenieur sitzt tief entspannt mit dem
Festmacher in der Hand auf dem hinteren Beam und flirtet winkend mit der
schwedischen Mädels-Crew auf dem Großsegler!! Dennoch landen wir so punktgenau
an der Mauer, daß selbst der Marinero anerkennend die Daumen hochhält.

Super-Crew!

Wir gönnen uns eine Hafennacht in dieser tollen Stadt, zum
Entspannen, Einkaufen, Schiffputzen, Essengehen.  Stamm-Matrose Mauro kommt nachmittags per
Bahn vom Flughafen Alicante, unsere Rosenheimer Freunde Elisabeth und Kurti
treffen mitten in der Nacht ein, nach einem Irrflug mit wetterbedingter
Ausweich-Landung in Valencia, Bustransfer nach Alicante und schließlich
Taxifahrt nach Cartagena. Wenn einer eine Reise tut….dann kann er was erleben!
Und das war ja erst der Auftakt!

 

Wir legen um Punkt 12 Uhr mittags ab, fahren ein halbes
Stündchen zu einem netten Ankerplatz, wo man erst mal ins Wasser hüpfen kann
(wenn man will), denn wer weiß, ob das auf dem Atlantik noch möglich sein wird.

Als wir am nächsten Nachmittag wieder unterwegs waren
bekamen wir erst einmal eine grandiose Delfin-Show zu sehen.

Irgendwie erwartete ich spektakuläre Segelszenen erst auf
dem Stück von Gibraltar nach Lanzarote.

Was uns dann gleich in der folgenden Nacht blühen sollte,
belehrte mich eines Besseren. Doch zunächst einmal gab es allenfalls ein wenig
ruppiges, doch zügiges Segeln, auf Halbwindkurs mit leicht gerefften
Großsegeln. Im Bordkino wurde ein Tarantino-Film gezeigt, was zur Folge hatte,
daß  die frisch eingeflogenen Seeleute
irgendwann zügig den Saal verließen, denn bei Welle von der Seite kann es einem
ganz schön schlecht werden!

Gut, daß dann die Mannschaft gut „verstaut“ in den Kojen
lag, als es in den frühen Morgenstunden so richtig rund ging. Ich hatte
Ruderwache und freute mich zuerst, wie zügig wir vorankamen. Hinter uns sah ich
es blitzen, doch offenbar zog diese Gewitterzelle in eine andere Richtung. Doch
dann kündigte sich auch VOR uns mit Wetterleuchten eine neue Zelle an. Bei Böen
von über 40 Knoten und einer Geschwindigkeit von 10kn  wurde unserem „Gustl“ (der Autopilot) der
Ruderdruck zu stark. Er gab seinem Unmut mit Dauerpiepen Ausdruck und wollte
abgelöst werden. Warum nicht mal wieder von Hand steuern, das ging ja jahrelang
auch. 2016 sind wir noch zu sechst handgesteuert über den Atlantik, und keiner
hat sich beschwert. Da wußten wir ja auch noch nicht, was für eine tolle Sache
so eine automatische Steuerung ist.  Damit
er den ganzen Spaß nicht verpaßt holte ich meinen Captain aus dem Bett. Nach
einem zusätzlichen Reff im Groß fühlten wir uns besser. Dann ging es erst
richtig los: Blitz, Donner und HAGEL brach über uns herein! Beide in voller
Schwerwetter-Montur wechselten wir uns am Ruder ab. Das ganze Deck war weiß von
Hagelkörnern: Jetzt eine Frozen Margarita mit Crushed Ice, heaven-sent! Doch
wir blieben lieber nüchtern, denn die Light and Sound Show ging noch vier
Stunden so weiter, allerdings „nur“ noch unter strömendem Regen.

Die nächsten beiden Tage wurde vorwiegend unter Motor
gefahren, weil dem Wind die „Luft“ ausgegangen war.

Am 8. November wurden wir mit großem Delfin-Aufgebot vor dem
„Europe Point“, dem südlichsten Punkt Europas, empfangen. Wir konnten gar nicht
genug voneinander bekommen, sie von unserer Bugwelle und unserem begeisterten
Kreischen, wir von ihrem Anblick und dem unerhörten Glück solcher Nähe!

 Wir ankerten eine
Nacht vor La Linea de Concepciòn, denn erst ab dem nächsten Tag hatten wir
einen Platz in der Queensway Quay Marina im britischen Gibraltar reserviert.

Es war ein bißchen kompliziert, weil wir ja nach
GROSSBRITANNIEN einreisen mußten, aber dank vollständig geimpfter Besatzung und
einer digitalem Formularflut  war es
schlußendlich kein Problem.  Das einzige
Problem bestand darin, daß wir keine britische Gastland-Flagge hatten. Nachdem
wir –auf Aufforderung des leicht arrogant wirkenden Hafenmeisters –  die spanische Flagge abgenommen hatten, wurde
uns das aber nachgesehen. Die Marina ist „very british“, sehr exklusiv und
liegt direkt unterhalb dem berühmten Felsen von Gibraltar.

Zwei Tage lang genossen wir High Tea, Affen, gewaltige
Ausblicke und Einblicke in die Tropfsteinhöhlen und… den britischen Supermarkt!

High Tea

Am 10. November ging es los Richtung Afrika! Wir sehen
wieder viele Delfine, durchfahren sehr vorsichtig und vorschriftsmäßig das
Verkehrstrennungsgebiet. Hier hat die Großschifffahrt Vorfahrt und man muß sich
als kleines Segelboot schön am „Fahrbahnrand“ halten und darf nur im 90 Grad
Winkel und auf schnellstem Weg queren.

Die ersten Tage der Fahrt nach Süden wurde viel motort wegen
Gegenwind. Doch dann, ab Casablanca 
wurde es interessanter. Endlich hatten wir leichten achterlichen Wind
und konnten segeln. Wir hielten uns gut frei von der marokkanischen Küste, denn
Mama’s Erlebnisse in den 90er Jahren waren mir noch sehr lebhaft in Erinnerung.
Die Crew der „Lady M“ wurde damals von Piraten angegriffen und konnte sich nur
durch entschlossenes Vollgas-Manöver in Sicherheit bringen.

Manfred schaltet dann auch lieber die Navigationslichter
aus, als er von einem starken Lichtstrahl getroffen wird, der dann sofort
erlöscht.  Keinerlei Lichter eines
anderen Schiffes sind zu sehen, da machen wir uns lieber auch unsichtbar.

Dann haben wir endlich den richtigen Wind und können unseren
wunderschönen Spinnaker setzen!

Der gefällt auch den Delfinen, die ganz zutraulich neben
unseren Bügen herumspringen. Einer berührt sogar (Zufall!) meine Hand, die ich
begeistert Richtung Wasser ausgestreckt habe!

Doch es kommt noch besser: 
Mauro’s scharfes Auge erspäht eine Walfontäne. Genau in dem Moment, als
wir in die angegebene Richtung schauen schießt ein WAL empor, daß fast der
gesamte Körper zu sehen ist! Es müssen wohl zwei Tiere gewesen sein, der erste
blies nur, und der zweite kam wohl aus großer Tiefe mit Geschwindigkeit nach
oben.

Wie um die Tierschau zu komplettieren springen dann noch
große Tümmler vor uns herum, was wir noch nie beobachtet haben. Tümmler
bewegten sich sonst immer recht gemächlich und majestätisch, wenn wir sie
sahen.

Nur die Orcas haben wir nicht gesehen. Die hatten wir
allerdings eher in der Straße von Gibraltar erwartet. Das ganze Jahr über
hatten wir mit Spannung die Berichte verfolgt, nach denen von der portugiesischen
Küste bis hinunter zur Einfahrt ins Mittelmeer diese wunderschönen Tiere in
kleinen Gruppen immer wieder Segelyachten attackierten und zum Teil so schwer
beschädigten, dass sie in Seenot gerieten und abgeborgen werden mussten. Meist hatten
sie es auf Ruder und Kiel abgesehen. Im Internet waren Bilder von komplett
abgebissen Ruderblättern zu sehen. Was die Tiere dazu bewegt ist bisher unklar.
Ist es nur ein Spieltrieb oder Aggression? Insgesamt sind 2021 mehr als 150
solcher Vorfälle gemeldet worden. Während es manchen Seglern ein eher mulmiges
Gefühl bereitet, durch diese Gewässer zu fahren,  waren wir eher enttäuscht, daß sich kein Orca
blicken ließ.

Ein Highlight jagt das andere: 12 Knoten Geschwindigkeit bei
25kn (wahrer) Windgeschwindigkeit unter Spi, Welle von schräg hinten, die dem
Gustl wieder zu schaffen macht, ein feines –veganes- Gulasch mit Spätzle,
gefolgt von schwäbischem Apfelkuchen.

Es war wieder stockfinstere Nacht als wir in nächster Nähe 5
oder 6 AIS Signale empfangen. Allerdings bewegen sie sich sehr langsam, und der
Monitor gibt keine Informationen preis. Es sind keine Lichter zu sehen, obwohl
die Schiffe nah genug sein müssten. Manche Signale verschwinden plötzlich und
tauchen dann an ganz anderer Stelle wieder auf. Das riecht verdammt nach einem
taktischen Manöver einer gewieften Piraten-Flotte, die uns erst mental
zermürben will und dann einkreisen, um die Schlinge immer enger zu ziehen. Es
blieb nur noch abzuwarten, wo und wann sie zuschlagen würden. Kurti und
Elisabeth hatten gerade Wache. Unser Sicherheitsoffizier schlief zum Glück
gerade fest, sonst wäre zu befürchten gewesen, dass er einen Notruf absetzt.
Aber Kurti, berüchtigt bei den Piraten für seine stoische Gelassenheit,  war sich sicher, dass der Kapitän für solche
Fälle ausreichend bewaffnet ist. Der war die ganze Zeit mit auf der Brücke und
beobachtete dieses Schauspiel amüsiert, denn ihm war klar, daß kein
Bösewicht mit einem AIS Signal auf sich aufmerksam machen würde. Aber Fischer
konnten es auch nicht sein, denn deren Schiffe sind immer hell erleuchtet. Also
steuerte die Largyalo ganz nah an so ein Signal heran und es wurde klar, dass
es sich nur um frei treibende Fischerbojen handelte. Um sie auch nachts wieder zu finden haben die Fischer sie mit Sendern versehen. Wehe
dem Segler der keinen AIS-Empfänger hat!

Es wurde langsam wärmer. Eine ca. 200m lange dicke
afrikanische Angelleine verfing sich in unserem Ruder und wurde mit großem Kraftaufwand
(zwei Männer konnten sie gerade noch ziehen) eingeholt und aufgewickelt. Wenn
WIR schon nichts fangen, sollen auch keine Geister-Leinen im Atlantik
herumtreiben. Und Largyalo wurde schlagartig 2 Knoten schneller. Der Käpt‘n
wunderte sich nämlich schon warum das Schiff vorher so langsam war. Denn
normalerweise fahren wir mit unserem Wingaker halbe Windgeschwindigkeit.

Lanzarote!

Am 15. November hieß es endlich „Land in Sicht“! Wir
passierten Arrecife, die Hauptstadt und am frühen Nachmittag fiel unser Anker
vor den Papagayo-Stränden im Süden der Insel.

Dort gab es das erste Atlantik-Bad und eine herrlich ruhige
Nacht.

Am nächsten Mittag legten wir an unserem Steg in der Marina
Rubicòn an. Exakt am selben Platz, an dem wir den Winter 17 auf 18 verbracht
hatten.

Hier werden wir bis Mitte Januar bleiben, um noch ein paar
Reparaturen und Installationen zu machen. 
Unsere Rettungsinsel muß gewartet werden, ein großes Paket mit
Ausrüstung wird uns hierher gesendet und ein Deutschland-„Urlaub“ vor dem großen
Sprung über den Teich ist auch geplant.

Doch zuerst bekommen wir noch Familien-Besuch. Linda und
Wolfgang entfliehen dem deutschen Corona-Winter für zwei Wochen und genießen
den lebhaften, aber auch idyllischen Hafen, die wärmende Sonne und noch ein
paar Tage vor Anker zum Baden im frischen Wasser.

Ich entscheide mich, an Bord zu bleiben und habe drei Wochen
Zeit, mich um mein Holz zu kümmern, Reparaturen mit Epoxi zu machen, unsere
Frischwasser-Tanks gründlich zu reinigen und die Segel-Abdeckungen endlich
fertig zu nähen.

Nun ist Weihnachten, der Kapitän ist zurück vom bayrischen
Heimaturlaub und wir wünschen Euch allen einen gemütlichen Jahres-Ausklang und
einen energievollen Start ins Neue Jahr!

Am 17. Januar heißt es: 
GO WEST!

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