5:30 Es ist schon
hell, noch nicht so warm, und völlig still auf dem Trockendock von FERROALQUIMAR
in einem Außenbezirk von Cartagena. Seit zehn Tagen sind wir nun schon hier.
Wenn ich die Energie habe, aufzustehen (fällt schwer, weil
man sich die halbe Nacht schwitzend in den Laken wälzt, und es in der zweiten
Nachthälfte endlich etwas kühler wird) schaffe ich einige Sonnengrüße und
Atemübungen, bevor um halb sieben die ersten Arbeiter eintrudeln. Lautstark schwatzend
schlappen sie unter unserem Heck hindurch zu ihren Arbeitsstätten.
Mit meinem Pipi-Eimer in der Hand klettere ich die Leiter,
die an unserer Badeleiter angelehnt ist hinunter und laufe zum nahegelegenen
Hauptgebäude. Hier sind die Büroräume, der WIFI-Salon, die Kantine, die zweite
(!!) Kontrollschranke und die Duschen und ( die eine )Toilette für die Belegschaft untergebracht.
Da will ich hin, muß aber vorher beim SEGURIDAD –Mann Miguel
den Schlüssel abholen: „Hola Petra, como amanece?“ Niedlich, dieser sehr
typisch kolumbianische Morgengruß : „Wie bist du aufgewacht?“ Wer mich kennt, weiß, daß ich frühmorgens vor
Klo und Kaffee noch nicht soviel Text habe, dennoch wechsle ich ein paar
freundliche Worte mit den Frühaufstehern und steige dann, con Eimer, in die
Mannschaftsräume hinauf. Wenn ich Glück habe, ist noch keiner da. Ansonsten
husche ich an der Umkleide vorbei und hoffe auf ein jungfräuliches WC.
Punkt sieben Uhr erschallt die Sirene, ungefähr 20 Sekunden
lang: Arbeitsbeginn! In einem sanften Crescendo steigt der Lärmpegel. Unterlegt
von einem erstaunlich rhythmischen Gehämmer der Schweißer, schmiegen sich
Hochdruckreiniger, Hubwagen, Kompressoren und Schleifmaschinen an den Baß des
wummernden Travellifts (das ist der riesige fahrbare Kran, mit dem die Schiffe
transportiert werden. Dazwischen munteres Geschrei und Geplauder. Sehr gerne
auch direkt unter unserem Schiff, denn da ist es ja bekanntlich schön schattig.
Ich widerstehe der Versuchung, das Spülwasser auf den Boden
und die Plauderer ablaufen zu lassen, und mache erstmal unser Frühstück. Mein geliebter
Kapitän, gesegnet mit der Gnade des schlechten Gehörs entsteigt erst kurz vor
acht seinen Gemächern. Nicht zu spät, denn ab acht Uhr stehen die ersten
Handwerker auf der Matte, und wenn wir Pech haben, an Deck.
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| Unser allmorgendliches Müsli |
Auf dieser Werft darf man eigentlich nicht selbst am Schiff
arbeiten, sondern muß alles entweder von der Firma Ferroalquimar oder von deren
„Kontraktoren“, also zugelassenen Handwerkerfirmen machen lassen. Wir haben uns
eine Art Sondergenehmigung geben lassen, damit wir die Reparaturen an unseren
Beams (die sechs Querträger zwischen den Rümpfen) selbst ausführen dürfen.
Allerdings unter der Auflage, daß wir die Arbeiten am
Unterwasserschiff, die Schreinerarbeiten, die Motorenwartung, und die
Anfertigung eines neuen Stahlgestells für unsere Generatorkiste an Handwerker
vergeben.
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| Wilbert kratzt 80 m Muschelfüße ab! |
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| Charleston kümmert sich um unsere Motoren |


Nach 18 Jahren hat es dieses Stahlgestell nun endlich hinter sich und wird abgebaut
Hier ein kurzer Zwischen-Exkurs zu „Empfehlungen“ und „Informationen“
aus den verschiedenen Foren und Quellen im Internet: Kolumbien wurde uns als
günstige Alternative zur einzigen Werft in Panama empfohlen, die uns aus dem
Wasser heben konnte. Bessere Arbeitsbedingungen (weniger Regen als Panama:
STIMMT), bessere Logistik und Materialbeschaffung STIMMT, günstigeres Leben und interessante Stadt
mit allen Annehmlichkeiten: STIMMT, billigere Handwerker, Häfen und Werften:
STIMMT NICHT! Bessere Handwerker: Das ist gerade im Moment noch nicht genau
bestimmbar….
Auf jeden Fall sind die Abläufe hier auf der Werft sehr streng
einzuhalten: kein externer Handwerker darf direkt mit uns verhandeln, alles
läuft über unsere „Koordinatoren“ ab, denn die Werft möchte ja einen schönen
Prozentsatz der Löhne absahnen. Denen muß man dann alle Arbeiten haarklein
erklären, damit sie auch einen akkuraten Kostenvoranschlag erstellen. Den
Kostenvoranschlag des Schreiners diskutieren wir mittlerweile seit einer Woche.
Ständig geht es hin und her, die Preise sind verhandelbar, doch immer noch
unverschämt hoch. Gerade wir, die alles selbst gebaut haben und die Reparaturen
eigentlich auch selbst durchführen könnten, verstehen nicht, wie sich das alles
zusammensetzt. Kurzerhand streichen wir einiges von unserer Wunschliste (keine
neue Arbeitsplatte in der Küche, keine neuen Endcaps, keine neue Badetreppe ),
sondern werden nur die Dächer und Luken reparieren lassen. Das andere machen
wir dann selbst, wenn wir wieder im Wasser sind.
Zwischen Fragen der Handwerker, der Koordinatoren und Organisation
der Materialien versuchen wir, unsere Fenster abzudichten und unsere Beams zu
flicken. Vor allem der hintere Beam, der am meisten Torsion abbekommt, wenn
schwere See ist, hat sehr viele schadhafte Stellen. Durch die Bewegung ist der
Lack und das darunterliegende Laminat (Glasfaser und Epoxi) aufgebrochen und
Feuchtigkeit ist ins Holz eingedrungen. Dem muß schleunigst Einhalt geboten
werden, damit die Stabilität dieser tragenden Teile weiter gesichert ist.
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| Alles aufgefräst, jetzt muß das Holz trocknen, bevor es weiterbearbeitet wird. |
Eigentlich ist es fast wie beim Zahnarzt: Aufbohren, Sauberfräsen
oder –schleifen, „Füllung“ aus Epoximasse rein, verschleifen. Dann kommt eine
Schicht Glasfassermatte darüber, wieder viel Epoxi, und schließlich verschwindet
alles unter zwei Schichten frischem Lack.
Das geht auf drei Zeilen, dauert aber viele Stunden,
benötigt trockenes Wetter, gute Organisation, geschmeidige Glieder, viele
durchgeschwitzte Handtücher und gute Nerven. Darüberhinaus auch das richtige Werkzeug
(vorgestern einen halben Tag damit verbracht, Leimzwingen zu kaufen!!), das richtige
Harz (wie SEHNE ich mich nach unserem guten Epoxi von Lange und Ritter in
Gerlingen!), und eine gute Harz-Küche (unsere frisch lackierte, noch nicht
wieder bezogene Schlafkabine wurde kurzerhand zur Werkstatt umfunktioniert)
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| Ich trage JETZT Kopftuch, und MORGEN Bubikopf, weil meine Haare viel Epoxi abbekommen haben!! |
Neben all dem gibt es ja doch noch den Schiffshaushalt zu
erledigen, Geschirrspülen, Aufräumen, Wäsche waschen, Putzen).
Um zwölf Uhr erschallt erneut die Sirene: MITTAG! Das
Highlight dieser Werft: Es gibt eine Kantine!
Das Essen ist nicht abwechslungsreich, aber lecker, die
Vitaminzufuhr beschränkt sich auf einen Teelöffel Kraut-oder Karottensalat, das
Ambiente SEHR rustikal, aber lustig und interessant, die Manieren der Mit-Esser
teilweise auch interessant, aber es ist billig, macht satt und wir müssen weniger
einkaufen, kochen und spülen.
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| Eine GANZE Hühnerkralle schwimmt in der Suppe! |
Alle paar Tage müssen wir in die Stadt fahren, um irgendetwas
zu besorgen. Bei dieser Gelegenheit gönnen wir uns dann einen schönen Capuccino
oder mal ein Sushi-Essen. In der Altstadt gibt es eine Kneipe „Léon de Baviera“,
der Löwe von Bayern: tatsächlich von einem echten Münchener geführt. Dort
bekommt Berti ein sehr gutes Schnitzel und einen Kartoffelsalat, fast wie bei
seiner Mama. (MEINE kann ihn aber noch besser!).
Wir fahren immer UBER, oder Taxi, denn zu Fuß wäre es viel zu
weit, und bei der Hitze und den Fahrkünsten der Kolumbianer wäre es
selbstmörderisch. Mein geliebtes „Birdy“, ein vollgefedertes Klapprad ist
derart zusammengerostet, daß es auch kein alternatives Transportmittel gewesen
wäre. Abgesehen davon wäre es viel zu gefährlich, Fahrrad zu fahren. Mopeds und
Roller sind allgegenwärtige Verkehrsmittel, auch als Taxi kann man sie sich
bestellen. Diese erkennt man daran, daß der Passagier niemals Helm trägt, und
meistens weiblich ist. Denn in genau definierten Stadtbereichen Cartagenas dürfen
Mopeds nicht von ZWEI Männern gefahren werden. Das hat mit den Drogendelikten zu tun, denn es hat wohl
einige Schießereien vom Motorrad-Rücksitz aus gegeben. Man sieht aber auch
ganze Familien auf einem Moped: Mama, ein bis zwei Kinder hinter dem Papa, der
natürlich als einziger einen Helm trägt.
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| Das „Birdy“ wird bestaunt |
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| Ob er es sich wieder herrichten kann?? Jedenfalls war er hocherfreut. Der Käpten auch, weil es ihm SEHR im Weg war. |
A propos HELM: Ohne Helm darf man hier auf dem Werftgelände
keinen Schritt tun! Selbst aufs Klo muß das Ding auf den Kopf, auch wenn ich
mir auf der Schwelle regelmäßig den Kopf damit anhaue. Aber dafür ist er ja
auch da! Und das ist auch Teil der Daseinsberechtigung von Miguel, José und Wilmen,
der Security-Abteilung von Ferroalquimar. Jeder Besucher, jeder Handwerker, ja
sogar jeder Arbeiter wird beim Ein- und Ausgang vom Gelände registriert, gecheckt und untersucht. Unsere
Lichtmaschine, unsere Segel, alles was die Werft verläßt muß mit einem doppelten
Formular bestätigt und unterschrieben werden. Und wir jammern über deutsche
Bürokratie! Doch hier stört sich niemand an dieser Erbsenzählerei und der
Überwachung. Muß mit der militärdiktatorischen Vergangenheit des Landes
zusammenhängen.
In der Mittagszeit ist es herrlich ruhig, abgesehen von den
auf laut gestellten Handy-Konversationen und lustigen Youtube –Videos, bis dann
um eins die Sirene wieder ertönt und die dieselbetriebene Kakophonie wieder in
Gang kommt.
Unseren Beam haben wir losgebunden und mit drei Stützen und
einem Wagenheber soweit angehoben, daß wir an die Stellen, die wir reparieren
müssen gut herankommen. Die Arbeiter machen große Augen, denn sowas macht man
hier mit einem Hubwagen, oder einem Kran, und schon gar nicht selbst als
Schiffseigner. Die meisten zollen freundlich Respekt, die höheren Chefs runzeln
die Stirn und weisen darauf hin, daß wir nicht selbst am Schiff arbeiten
dürfen. (Hier lacht sicher jeder, der mit uns in Mesolonghi/Griechenland war,
wo uns die Polizei das Arbeiten verboten hat). Doch wir haben die Sondergenehmigung
vom großen Chef. Der heißt JESUS, schaut aber nicht so aus und ist
wahrscheinlich auch nicht sehr fromm. Auf jeden Fall ist er zwar alt, grau,
mager und grummelig, aber soweit wir bisher beobachten konnten, der einzige,
der hier technisch wirklich gut durchblickt. Er hat sofort verstanden, daß wir
an unserem selbstgebauten Schiff vieles auch nur selbst reparieren können, und uns
ausnahmsweise genehmigt, selbst zu arbeiten.
Ab drei Uhr werden alle müde, der Geräuschpegel sinkt und
bevor um vier die Sirene ertönt haben die meisten schon einen Gang zurück
geschaltet. Um fünf gehen dann auch die Handwerker und langsam kehrt idyllische
Ruhe ein. Hinter uns sind einige Bäume auf dem benachbarten Grundstück, und man
hört die darin wohnenden Vögel zwitschern. Die Moskitos (nennt man hier „sancudos“,
in dem Wort und ihnen selbst steckt SANgre/Blut drin) sind gar nicht so
schlimm. Wenn man sieben Jahre in der Camargue gewohnt hat und die „NoSeeEms“
in Guatemala und Panama erlebt hat.
Wir arbeiten meist noch bis sechs, werden dann aber auch
immer langsamer. Die Hitze ist das Anstrengendste hier, und bringt uns
körperlich wirklich an unsere Grenzen.
Bevor die Sancudos richtig eintreffen, genießen wir noch ein
paar ruhige Momente auf dem Bug, von dem aus man, weit hinten, das Meer sehen
kann. Dann noch eine erfrischende Dusche und dann muß noch alles regensicher
gemacht werden. Es regnet nicht sehr oft, doch wenn, dann in Strömen und von
jetzt auf nachher. Manchmal sogar bei hellem Sonnenschein. Das nennt man dann „sol
de lluvia“, ist anscheinend ein häufiges Phänomen hier. Die starken Gewitter
mit kurzzeitigem Starkwind, die wir in Panama erlebt haben sind hier seltener.
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| Da kommt was… |
Erstaunlicherweise hört man hier kaum Musik, was mir das Schlafen
wesentlich erleichtert.
In unserer Manzanillo Marina, nur drei Kilometer von hier
entfernt, waren die Musikabende im benachbarten „gefääährlichen“ Slum- und
Drogenviertel in manchen Nächten infernalisch und dauerten bis in den frühen
Morgen..
Hier befinden wir uns eher in einem Industriegebiet, der
Verladehafen ist nicht weit entfernt. Im Hinterland sind einige Hügel mit „besseren“
Wohnhäusern zu sehen.
Dafür sind wir in der Einflugsschneise des Flughafens, doch
das stört mich gar nicht, war ja ein Teil meines Arbeitslebens. Achja, wer hier
auf der Werft schläft und abends weggeht muß spätestens um eins zurück sein!
Wenn man herein möchte, muß man „läuten“. Es gibt hier aber nur eine Art „Geläut“,
und das ist die Sirene. Ergo erklingt vor allem am Wochenende die Sirene
(allerdings nur ganz kurz) auch mitten in der Nacht!
Nun ist es schon halb zehn, Zeit für die Koje, denn nur der
frühe Vogel macht den Kopfstand!
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| Meine „Binis“ aus Kuna Yala erinnern mich täglich daran, daß auch wieder schönere Zeiten kommen werden! |















