Rauhe Nächte in Roatàn

 

An Weihnachten fiel unser Anker in der
Bucht von French Cay, im Süden der Insel Roatàn.

Die drei „Bay Islands“ oder „Islas
de la Bahia“ Utila, Roatàn und Guanaja liegen zwar im
Hoheitsgebiet von Honduras, doch haben sie sich eine gewissen
Eigenständigkeit bewahrt. Ihrer Abstammung von britischen Piraten
und aufständischen Sklaven zum Trotz sind ihre Bewohner sehr
liebenswürdig und dem Tourismus aufgeschlossen. Vor allem
Amerikaner nutzen die direkten Flugverbindungen nach Roatàn, um die
besonders schönen Tauchreviere am südlichen Barriereriff zu nutzen.

Am 26. gehen wir an Land, um in Coxen
Hole (klingt doch richtig nach Piraten-Roman), dem Hauptort von
Roatàn einzuklarieren. Wir haben Glück: Die Beamten bei
Immigrations feiern keinen zweiten Weihnachtsfeiertag, und auch der
Port Captain stellt uns bereitwillig eine Aufenthaltsgenehmigung für
Schiff und Crew aus. Und das alles total umsonst! Wir sind angenehm
überrascht, denn nicht nur die DomRep, sondern auch Jamaica,
Guatemala und Belize rufen gepfefferte Preise auf für die Stempel im
Paß und den „Zarpe“, die Befahrungs-Erlaubnis.

Wir genießen die kleine Inselrundfahrt
per Taxi zurück zu unserem Dinghi in der French Cay Bucht.

Bevor wir zurück zum Schiff fahren
machen wir noch einen kleinen Erkundungs-Abstecher in einen großen
Supermarkt. Von Guatemala und Belize nicht gerade verwöhnt, fühlen
wir uns überwältigt wie DDR-Bürger beim ersten Edeka-Besuch nach
dem Mauerfall: Es gibt ALLES, in amerikanischen Ausmaßen und sogar
relativ annehmbaren Preisen!

Wir schaffen es gerade noch zurück zum
Schiff, als das Wetter sich verschlechtert, die angekündigte Front
zieht heran.

Es regnet, ein paar heftige Böen
ziehen über die Ankerbucht, doch unser Anker hält.

Unser SPADE Anker, der uns 16 Jahre
lang treue Dienste geleistet hat zeigt ernsthafte
Ermüdungserscheinungen. Deshalb haben wir ihn zum Zweitanker
degradiert und durch den ebenfalls 30 kg schweren MANSON Bügelanker
ersetzt. Mit diesem kamen wir anfangs gar nicht gut zurecht, doch
nach einer Modifizierung der Ankerspitze gräbt er sich nun
zuverlässig ein. Seit vier Wochen sind wir unterwegs, und er hat
sich an jedem Ankerplatz bewährt.

Doch in dieser Nacht gibt es ein böses
Erwachen.

Der Legende nach findet während der
Rauhnächte die „Wilde Jagd am Himmel“ statt. Jedenfalls fegen
gewaltige Böen über die Ankerbucht, während wir in seligem Schlaf
liegen.

Unerklärlich und fast mythisch ist
jedenfalls des Käpten’s siebter Sinn, der ihn um halb zwei Uhr
morgens hochschrecken und hinausschauen läßt: Unser Anker hält
nicht, wir bewegen uns auf das hinter uns liegende Riff zu!! In
Sekundenschnelle laufen die Motoren, und Berti hat das Schiff wieder
unter Kontrolle. Jetzt heißt es, nach vorn fahren, den Anker
einholen und neu setzen. Keine leichte Aufgabe, in waagrechtem Regen
und heulendem Wind! Die Sicht ist so schlecht, daß wir die anderen
Schiffe kaum erkennen können. Dank Kartenplotter und Radar können
wir uns vorsichtig wieder an unseren Platz zurückbewegen. Dort
werfen wir zuerst unseren SPADE, der an einer Leine mit Kettenvorlauf
befestigt ist. Danach fährt Berti wieder vor, und etwas seitlich
davon lassen wir den Hauptanker ab. Das scheint zu halten, und
aufatmend fliehen wir zurück in trockene Klamotten und unsere Koje.
Doch der Kapitän traut der Sache nicht und richtet sich im Cockpit
ein zur Ankerwache.

Grausames Erwachen im Morgengrauen:
Wieder Böen und Regen, und wieder bewegt sich unser Hinterteil
Richtung Riff! Wir halten dagegen, doch jetzt möchte unser
Steuerbord-Motor nicht mehr mitmachen! Er springt kurz an, schaltet
sich dann aber nach ein paar Sekunden wieder ab.

Mit nur einem Motor ist es nicht
leicht, geradeaus zu fahren. Noch dazu, wenn starke Böen aus
wechselnden Richtungen auf unsere nicht eben kleine Seitenfläche
treffen.

Die neben uns ankernden „Easy Ones“
schlafen selig, ihr Anker hält bombenfest, jedoch schwänzeln wir ab
und zu bedrohlich nahe in ihre Richtung. Wir beschließen, sie zu
wecken, damit sie sich auf eine eventuelle „Berührung“
einstellen können. Inzwischen sieht man auch Bewegung an Deck der
anderen Boote. Ein großer Katamaran kann gerade noch rechtzeitig
seine Rückwärtsbewegung „bremsen“, touchiert aber seinen
Nachbarn leicht.

Wir überlegen fieberhaft, was wir
machen können. Eine Schnellreparatur des mysteriösen Verweigerers
ist unmöglich, denn soviel Wasser von oben kann man dem Motor nicht
zumuten, also muß die Klappe geschlossen bleiben. Also gegenan
fahren, das Schiff möglichst auf der Stelle halten und darauf
hoffen, daß die beiden Anker und die Kette die Position beibehalten.

Nach zwei Stunden beschließen wir, daß
wir einen Schlepper und einen Anlegeplatz brauchen.

Wie gut, wenn man neben Freunden
ankert! Ingo (wir nennen ihn jetzt „Dingho“) pusht und zieht mit
seinem Dinghi, damit die Largyalo geradeaus fährt. Ich ziehe mit
Berti die beiden Anker herein, dann fahren wir zum nächstgelegenen
Kai. Dort erwartet uns schon der Dockmaster der Fantasy Island Marina
und nimmt die Leinen entgegen. Geschafft! Gleich nach uns rumst noch
ein weiteres Schiff, dessen Anker nicht hielt in einen Liegeplatz.

Das rettende Dock auf Fantasy Island

Leider dürfen wir hier nicht
liegenbleiben, denn der Ponton ist nicht stabil genug. Morgen früh
soll ein starker Westwind kommen, der uns dann direkt darauf drücken
würde.

Immerhin können wir hier ein wenig
ausruhen, in einer Regenpause nach dem Motor schauen und versuchen,
einen alternativen Liegeplatz zu bekommen. Das erweist sich als schwierig, denn im
Yacht Club hat man keinen Platz für uns. Während Berti sich um den unwilligen Smart kümmert frage ich in der nahegelegenen
Werft (oder ist es ein Schiffsabwrackplatz??) ob wir dort längsseits an einem kleinen Frachter festmachen dürfen, bis unser Problem gelöst ist. Doch dort ist nur ein Wachmann,
der uns nicht ohne Erlaubnis anlegen lassen darf. Er schickt mich zu
seinem Chef, der „gegenüber“ wohnt. Ich mache mich auf zu einer
heruntergekommenen Villa hoch am Berg. Dort klettere ich laut rufend
die halb verfallene Holztreppe hinauf, rutsche durch matschige
Vorgärten, klopfe an mehrere Türen, löse zweimal eine Alarmanlage
aus, bis ich aufgebe und das unheimliche Gelände verlasse….

Als Wind und Regen am Nachmittag
nachlassen legen wir mit Hilfe von ZWEI Dinghi-Pushern (Ingo und
Guenneau) ab und fahren in einer weiten Kurve (ist zwangsläufig so,
wenn nur ein Motor läuft) wieder hinaus in die Ankerbucht. Ab und zu
stupst uns einer unserer beiden Gummi-Satelliten wieder auf Spur,
damit das Schiff beim Ankermanöver nicht seitlich wegdriftet. Wir
lassen soviel Kette heraus, wie möglich.

Ingo, der Pusher von der Easy One

Guenneau und Anne-Laure, Pusher Nummer 2

Er scheint zu halten! Doch auch in
dieser Nacht werden wir nicht viel Schlaf finden. Drei Ankeralarme in
verschiedenen Stufen sind gesetzt. Beim kleinsten Pieps, der
anzeigt, daß wir uns bewegen schrecken wir auf. Der Wind hat
sich gelegt, trotzdem bleibe ich die erste und Berti die zweite
Nachthälfte auf Beobachtungsposten im Cockpit, bereit, falls
nötig, den Zündschlüssel zu drehen.

Am nächsten Morgen dreht der Wind auf
West, jetzt zeigt unser Hinterteil nicht mehr zum Riff,
sondern in Richtung der kleinen vorgelagerten Insel „Fantasy
Island“.

 Nach dem
ausgiebigen Regen ist das Wasser trüb und aufgewirbelt, doch ich habe Lust
auf ein Bad. Bei der Gelegenheit tauche ich nach dem Anker, den ich
nach einigem Suchen auch finde. Er ist nicht wirklich überzeugend
eingegraben. Wir beschließen, nach dem Frühstück einen zweiten
Anker zu setzen. Wir sprechen durch, wie wir vorgehen wollen und was
wir machen würden, falls jetzt die Böen einsetzen würden und wir
wieder rutschen. Berti macht das Dinghi startklar, das halb voll mit
Regenwasser ist und läßt vorsorglich den Motor warmlaufen, ich
richte schon mal den Zweitanker her.

Und schon ist es soweit: Wir slippen
wieder! Diesmal Richtung Strand, aber das ist auch nicht gut! Dank
Briefing braucht es nicht mehr viele Worte. Kaum läuft der Motor,
springe ich ins Dinghi und fahre an die Steuerbord-Seite und drücke.
Wir sind just wieder auf der richtigen Position, als Dingho
herandüst und mich beim Drücken ablöst. So kann ich wieder an
Bord, um den Zweitanker abzulassen. Doch der will nicht halten, und
wir driften wieder ab. Jetzt braucht es ZWEImal 10 PS , um die
Largyalo wieder in die richtige Richtung zu drücken. Also wieder
zurück in unser Dinghi und zusammen mit Ingo bringen wir das
Mutterschiff wieder auf Linie. Berti hat jetzt alle Hände voll zu
tun: Gas geben, steuern, gleichzeitig allein den Anker von Hand
aufholen.

Glücklicherweise prescht auch schon
der der baskische Nachbar (auch bekannt aus Rio Dulce) heran und
hilft Berti beim Kettenziehen und übernimmt dann meinen
Drücker-Posten. Jetzt kann ich wieder an Bord, um den Hauptanker
abzulassen.

Geschafft! Der Anker sitzt gut und wird
mit einer Boje markiert. Später lädt Berti den Zweitanker ins
Dinghi und bringt ihn in Position schräg vor den Hauptanker.

Beide Anker werden nochmals „besucht“
und liebevoll, aber bestimmt in den Sand gerammt.

Mittlerweile hat sich der Wind aber
beruhigt, die Sonne scheint und wir können endlich unsere nassen
Klamotten und Betten trocknen.

Besinnliche Zeit zwischen den Jahren, von wegen….!

Share the Post:

neueste Beiträge

Monkey Island

Nach fast drei Wochen Trockendock liegen wir noch eine Woche vor Anker in der Linton Bay. Gegenüber der Marina liegen

Read More