Drei Monate Karibik

März und April: Kleine Antillen
Ste.Anne,  Guadeloupe (rechts die kleine Largyalo)

Der März brachte uns meine Mama Linda mit ihrem Partner
Wolfgang, die wir in Le Gosier im Süden von Guadeloupe erwarteten. Zusammen mit
Hanneke, die noch bei uns blieb hatten wir schöne Tage an der Südküste. Wegen
technischer Probleme konnten wir nicht wieder zurück auf die kleinen Inselchen
Petite Terre, Marie-Galante und Les Saintes: Unser treuer kleiner Dingi-
Außenborder, der uns schon quer übers Mittelmeer gezogen hat ließ uns im Stich!
So mußten wir eine Woche lang mit dem Kanu und den Stand-Up-Boards an Land
kommen, während der Motor in Reparatur in Point-à-Pitre war. Das kann man sich
so vorstellen, als sei das Auto in der Werkstatt und man muß alles zu Fuß oder per
Fahrrad erledigen. Nur mußten wir in dieser Zeit meist weit weg vom Strand
liegen, weil es zu starke Wellen gab. Vor allem für Mama war das oft schon eine
ziemliche Herausforderung! Mutig ist sie ja und Schwimmen oder Paddeln ist auch
kein Problem, doch das Einsteigen ins wackelige Kanu und das Anlanden in der
Brandung sind schon abenteuerliche Unternehmungen, wenn man etwas über 70
ist….

Doch zusammen haben wir alles gemeistert und dabei auch noch
viel Spaß gehabt.

Mit einem Mietwagen erkundeten wir dann noch das Inselinnere
und die nördlichen Strände.

Sundowner in Ste.Anne
Umschwärmte Largyalo
Plage de la Malendure

Mitte April verließen uns Linda und Wolfgang, und auch
Hanneke verabschiedete sich von der Largyalo. Es war uns eine Freude, Ehre und
Inspiration, sie über zwei Monate bei uns gehabt zu haben.

Two Wharram Girls
Hanneke findet immer einen Job

In der Marina Bas-du-Fort bei Point-à-Pitre besuchte uns ein
Gutachter, um die Seetüchtigkeit unserer Largyalo zu bestätigen. Das verlangte
unser neuer Versicherer. Wir hatten das Glück, an einen echten Wharram-Fan
geraten zu sein, der sich mit großer Begeisterung jeden Winkel des Schiffes
zeigen ließ, mit Lob nicht geizte und uns ein ausgezeichnetes “Zeugnis”
ausstellte.

Schöne Marktfrau in Point à Pitre
In der Marina Bas-du-Fort

Dann standen auch schon die neuen Matrosen am Kai: unsere
tauchbegeisterten Freunde Eva, Co, Moky, Chris, Patricia und Nicolas.  Bei einer so multinationalen Crew konnten wir
es nicht lassen, nach guter nautischer Sitte alle Flaggen der Anwesenden auf
der Backbord-Seite zu setzen. Bavaria, Italien, Frankreich, Griechenland und Schweiz: wir
mögen’s bunt!

Das Schwyzer Kreuz mußte Chris schnell selbst nähen

Gleich auf den ersten Meilen Richtung Westen sahen wir Wale:
Was für ein Auftakt! Im Westen der Insel liegt der Cousteau Marine Park, den
wir ausgiebig unter Wasser erkundeten. Schildkröten, Muränen, Kofferfische,
Rochen und Barracudas, umgeben von bunten Korallen und schwimmenden Gärten.

Diese beiden sind kurz danach wieder ins Wasser, wo sie hingehören….
Monsieur Cousteau bekommt Besuch

 Danach ging es weiter nach Grande Anse im Norden. Chris, unser Tieftauch-”Guru”
meldete plötzlich: “Unter Wasser hört man die Wale singen!” Und tatsächlich:
schon in  vier Metern Tiefe, wenn man
sich an der Ankerkette festhielt und ganz still horchte konnte man sie
hören!!  Was für ein Erlebnis, manche
wollten gar nicht mehr aus dem Wasser!

In Deshaies mußten wir uns dann von Guadeloupe
verabschieden. Leider auch von Patricia und Nicolas, die zwar alle  notwendigen Impfnachweise, doch keinen
gültigen Paß für die Einreise nach Antigua dabei hatten.

Von Guadeloupe über Antigua und Barbuda nach Saint Martin

Die 40 Seemeilen nach Antigua haben es dann in sich: Auf
halber Strecke fällt die Ruderanlage
aus! Wir haben wieder ein Leck in der Hydraulik, diesmal im dritten
Schlauchabschnitt. Den ersten hatten wir letzten Herbst in Sardinien ersetzt,
der zweite wurde bekanntlich unter schwierigen Bedingungen während der
Atlantik-Überquerung eingebaut, glücklicherweise hatten wir vorsorglich einen
Ersatz mitgenommen. Doch nun müssen wir den Rest der Strecke von Hand steuern,
mit der flugs wieder installierten Notsteuer-Anlage. Die Bedingungen sind aber
angenehm, und wir erreichen Falmouth Harbour auf Antigua. Nach dem Ankern ist
auch das Leck schnell gefunden.

Moky und Chris am Notruder

Eva und Co behalten den Überblick

Nun haben wir erst einmal die Herausforderung des Einklarierens zu bestehen:
Die gesamte Crew muß im Dinghi zum Steg fahren und wird dort vom Health Officer
eingehend untersucht. Ein schlapphütiger, sehr entspannter “George” mißt unsere
Temperatur unter den Baseball-Kappen, wirft ein lässiges “You sure are alle
vaccinated!” hin und entscheidet, daß wir “free to go” seien. Die Crew erkundet
die Insel und English Harbour auf einer Wandertour, während die “Kapitänin”
(denn nur der Captain darf die Behördengänge machen) sich auf den Weg zur
zweieinhalbstündigen Einklarierungs-Prozedur macht.

Alle Mann zum Fiebermessen!
English Harbour

Mit dem Zettel vom Health Officer , samt Schiffspapieren,
allen Pässen und acht Formularen latsche ich zu Immigrations, dann zu Customs, dann zur
Port Authority und dann -natürlich- zum Bezahlen!

An zweiter Stelle nach dem Ankerschluck kommt immer der Ruf:
Wo kriegen wir Internet her?

Glücklicherweise geht es allen so, und man kann an jeder
Ecke eine lokale SIM-Karte kaufen. Google hilft einem auch gleich
herauszufinden, woher man fünfzehn Meter Hydraulikschlauch bekommt.

Was ich als Riesenproblem gefürchtet hatte, war überhaupt
keines, denn schon beim zweiten Laden, den wir per Dinghi erreichen konnten gab
es die benötigte schwarze Mamba! Zwar zu einem horrenden Preis, doch das durfte
uns in dieser Situation ziemlich egal sein.

Kontrolle!

Gerade als wir mit vereinten Kräften die Steuerung repariert
haben und uns auf einen gemütlichen Sundowner freuen nähert sich ein Boot der
Küstenwache. “What kind of strange boat is THIS?” Drei Offiziere in Kampfanzug
und passenden tarnfarbenen Schutzmasken sind begierig, uns zu inspizieren.
Nebenbei bemerkt, ist das keinem von den vielen Seglern, die ich später danach
gefragt habe, in Antigua passiert. So ist das eben, wenn man “merkwürdig”
unterwegs ist. Nachdem sie seitlich an uns festgemacht haben (und als Andenken
ein paar schwarze Streifen hinterlassen) stampfen sie lederbestiefelt an
Bord, lassen sich alle Kabinen zeigen und inspizieren sorgfältig unsere Pässe.
Captain Morgan, selbst sehr stolz auf seinen Namen ( bekannte Rum-Marke) liest
jeden Paß samt Nummer und Geburtsdatum laut vor und hat großen Spaß daran,
jeden Namen auszusprechen und vorzurechnen, in wie vielen Monaten das Ablaufdatum
erreicht sein wird.

Captain Morgan in Amtsausübung

Wir lachen alle ganz brav bei jedem faulen Witz, und sind
sehr froh, daß wir dann doch keinen blinden Schweizer Passagier versteckt
haben!


Barbuda

Princess Diana Beach im Süden der Insel
foto@chris.langer
Am 11 Mile Beach

Weiter ging’s nach Barbuda, der Insel, nach der wir uns am
meisten zurück gesehnt hatten! Hurricane Irma hat dort 2017 im Herbst kaum
einen Stein auf dem anderen stehen lassen. Doch Palmen stehen immer noch am 11
Mile Beach, der hält, was sein Name verspricht. 

foto@chris.langer

Weil wir mit dem Dinghi  wegen der starken Brandung nicht über das
Riff in die Lagune fahren konnten machte sich ein Teil von uns auf “eigenen
Flossen” schwimmend auf den Weg an den naheliegenden Strand. Die unfreiwillige
Wanderung durch die Mangroven und entlang der Küste wird Moky, Chris und mir
noch lange in Erinnerung bleiben! Wir wollten in die “Stadt” Codrington, wo wir
einen Ausreisestempel in unsere mitgen(schw)ommen Pässe brauchten.

ROT: Largyalo
GELB: Landexpedition
BLAU: mit Wassertaxi
Das Ausklarierungs-Team          
Wo bitte geht’s nach Codringron?

 Doch der Weg
dorthin erwies sich als weit, schwierig, steinig oder sumpfig.  Glücklicherweise trafen
wir auf einen Bautrupp, der gerade eine große Ferienanlage mitten im Nirgendwo
zu erstellen begann.  Ein rastahaariger
Arbeiter nahm uns mit seinem Auto die letzten ACHT Kilometer zum Dorf mit. 

Während der Fahrt erzählte er uns viel Interessantes über das Leben nach dem Hurricane.
Vier Monate lang durften die evakuierten Bewohner damals nicht zurück nach
Barbuda! Doch jetzt würde die Wirtschaft boomen, weil viele staatliche Hilfen
und Spenden angekommen seien, und große Konsortien dadurch riesige Bauprojekte
starten konnten. Nebenher telefonierte er ein paar Mal, und bis wir in
Codrington ankamen lachte schon die halbe Insel über die drei verirrten und
erschöpften Segler, die versucht hatten, zu Fuß vom Strand über die Lagune zu
kommen. Vom Lebensmittelladen wurden wir zum Gemeindeamt, von dort zur Post,
und von dort schließlich zum Hafenbüro geschickt.

Spuren des Hurricanes
Das Port Office

 Das mußte der herbeizitierte
Beamte erst mal aufschließen. Er hatte viel Humor, denn als ich schwitzend die
ausgefüllten Formulare zurückreichte meinte er: „Und jetzt mußt Du nur noch  zu Immigrations und Deine Pässe abstempeln
lassen!“ Gerade als ich erschöpft zusammensank öffnete sich die Tür, ein Typ in
Shorts und Basballkappe trat ein, setzte sich an den zweiten Schreibtisch und
sprach: „And here is Immigrations!“

I love Barbuda!

Port Authority, Codrington

Zurück zum Schiff brachte uns dann George mit seinem
Wassertaxi, das er mutig über die enge Schneise im brandungsumtobten Außenriff
jagte.

George’s Wassertaxi


Saint Martin / Sint Maarten

Nach einer Nachtfahrt kamen wir dann in Saint Martin an.
Damit uns nicht langweilig wird, streikte nun auch noch unsere Ankerwinsch! 30
Meter Kette von Hand einholen ist kein Kinderspiel, und so begnügten wir uns
mit unserem Zweitanker, der nur an acht Metern Kettenvorlauf und einer
leichteren Ankertrosse hängt.

Das Lebensende unserer Ankerwinsch hatte sich schon Ende des
letzten Segelsommers angekündigt. Seit sechzehn Jahren ist sie im Einsatz und
hat sicher mehr als tausend Ankermanöver mitgemacht. Deshalb hatten wir schon
im Oktober eine genau baugleiche Nachfolgerin bestellt. Doch der Liefertermin
(sie ist Italienerin…) verzögerte sich von Monat zu Monat, und als feststand,
daß sie uns nicht mehr in Lanzarote erreichen würde war uns schon ein wenig
bang. Doch “schon” Anfang März, als wir in Guadeloupe ankamen hieß es, sie wäre
nun in den nächsten Tagen lieferbar. Der Transport nach Saint Martin war sehr
teuer, und wir zogen in Erwägung,  bis
zum Ende der Saison zu warten, um sie dann selbst im Winter aus Deutschland
mitzubringen.

Doch jetzt bestand Handlungsbedarf! Zwar konnte Berti die
alte Dame soweit wieder funktionstüchtig machen, daß sie die Kette hochziehen
konnte, doch herauslassen mußten wir sie jetzt vorerst von Hand.

Vor Grand Case

Nach der Abreise unserer Crew verbrachten wir eine faule
Woche im Norden von Saint Martin, wo wir in der schönen Bucht von Grand Case
ankerten. Per Mietauto und Fahrrad waren wir auf dieser landschaftlich nicht
besonders schönen, aber trotzdem hochinteressanten Insel unterwegs. Der
südliche Teil der Insel heißt Sint Maarten und ist holländisch. Sobald man die
Grenze überschritten hat funktioniert das EU-Handynetz nicht mehr, wird mit
US-Dollars oder Florint bezahlt und an den Bushaltestellen steht: BUSHALTE. Es
gibt viel, fast alles und angeblich alles günstig zu kaufen. Wir shoppen bei
den Schiffsausstattern, in den Supermärkten und den Baumärkten. Wirklich billig
ist nichts, aber wir wissen, daß wir bald auf den sauteuren britischen
Jungferninseln sein werden, und danach in Mittelamerika. Also decken wir uns
gut ein mit französischen Delikatessen und Konserven.

 

Anguilla




Thelma and Louise

Mitte April besuchen uns unsere Freunde Maggie und Dieter
aus New York. Sie sind meine ältesten Freunde aus Lufthansa-Tagen, und wir
haben uns über dreißig Jahre nicht aus den Augen verloren, trotz ihres
LH-Ausstiegs Ende der Achtziger, der Auswanderung in die USA, dreier Kinder und
neuer Karrieren als Lehrer. Zeitgleich statte‘ uns Wiebke aus Hannover, die auf
Saint Martin Urlaub macht einen Besuch ab, und so feiern wir Berti’s Geburtstag
mit einem Abstecher nach Anguilla, der wenig besuchten Nachbarinsel von Saint
Martin. Tatsächlich segelt da kaum einer hin, weil die Einreise-Formalitäten
teuer und umständlich sind. Etwas masochistisch kommt es mir zwar schon vor,
doch wir beschließen, einen Agenten (ohne den es nicht geht) mit der Prozedur
zu beauftragen. Wir lassen uns brav testen und schicken die Ergebnisse samt
Paßkopien und Schiffspapieren PER WHATSAPP an den Agenten. Was keiner zu
glauben wagte, er schickt nach zwei Tagen eine Message “you’re good to go”!

 Wir segeln hinüber,
staunen über absolut leere Ankerbuchten und die völlige Abwesenheit von
Segelschiffen! In der Hauptbucht Road Bay fällt unser Anker und zehn Minuten
später sind wir an Land. Noch einmal zehn Minuten später haben wir
Ankunftsstempel in den Pässen und sind wieder “good to go”. Wir sollen uns nur
bei unserem (uns immer noch nur per WhatsApp bekannten Agenten) täglich melden,
um ihm zu sagen, wo wir gerade ankern.

Road Bay, Anguilla

Wir feiern Berti mit Musik und Tanz, posen mit unseren
Cocktails ganz wie in der Raffaello -Werbung (wurde auf Anguilla gedreht),
springen von Klippen, schnorcheln am Riff und Wiebi und ich schwimmen mit
“unserer” Schildkröte spazieren. Traditionsgemäß gibt es für den Käpten wieder
(wie schon vor 5 Jahren) die karibische Geburtstagsüberraschung: Weißwürste.
Diesmal von einem deutschen Metzger aus NY.

„If you like pina colada….“
Crocus Bay

Als wir die Insel verlassen melden wir uns pflichtschuldig
ab beim Agenten und erwarten eine Rechnung von über 300 $. Doch es kommt nur
ein freundliches “Enjoy your day”, und das wird das letzte sein, das ich von
ihm lese.

Noch ein schönes Geburtstagsgeschenk für den Kapitän!

Die kleine Insel Tintamarre östlich von St. Martin

Eine weitere zweisame Woche in Saint Martin vergeht mit
interessanten Begegnungen mit anderen Seglern, einer Tigerhai –Sichtung, die
das komplette Ankerfeld in Marigot in Aufregung versetzt, mit weiteren
Einkäufen (haben doch gerade Geld gespart!), mit Putzen, Reparieren und
Einkaufen – und logistischen Überlegungen!

Ende April steht unser Freund Stefan samt 30 kg Ankerwinsch
an Deck! Neben seinem eigenen Gepäck hat er das Ungetüm durch zwei deutsche
Städte, durch Paris, wo er einen Städtetrip machte, nach Saint Martin und dann
per Taxi quer über die Insel zu unserem Dinghi geschleppt!

Das gute Stück wird natürlich sofort installiert und
gebührend bewundert! Meine alte “Fransi” (die Marke heißt LOFRANS Italia) ist
komplett zerschlissen, und es ist erstaunlich, daß sie die letzten Wochen noch
funktioniert hat. Sentimental wie ich bin, hebe ich ein kleines Teil des
zerfressenen Kugellagers auf, als Erinnerung.

Die neue „Fransi“
Ruhe sanft…


Von St. Martin nach Tortola, BVI


Nachdem auch Manfred, ohne den es eigentlich nicht mehr geht
(sechs Wochen durfte er seit der Atlantik-Überquerung Urlaub in Deutschland
machen) an Bord ist sind wir abfahrtsbereit: Von „den Niederlanden“ über
„Frankreich“ nach „Großbritannien“. Die British Virgin Islands, ein Ziel, von
dem viele Segler schwärmen. Endlich etwas Neues! Vor fünf Jahren sind wir
Anfang Mai von Saint Martin aus zurück nach Europa gesegelt, nun würden wir
endlich neue Inseln kennenlernen.

Doch vor dem Spaß kommt immer noch das Abenteuer der Aus-
und Einreise. In Zeiten von Covid ist das noch interessanter! Vor der Abfahrt
finden wir uns wieder in der Apotheke von Marigot ein, wo wir uns einen
negativen Antigen-Test abholen wollen.

Und dann der GAU: Stefan erhält per Handy die Nachricht, daß
er positiv ist! Wir wollen es nicht wahrhaben, zumal er keinerlei Symptome hat.
Doch nach zwei weiteren Tests steht fest, daß er nicht mit nach Tortola darf.
Schon wieder ist die Crew ungeplant reduziert.

Doch zusammen mit Manfred sind wir eine eingespielte Crew.
Das Wetter ist gut, der Autopilot funktioniert, der Spinnaker zieht, und nach
einer schönen Nachtfahrt kommen wir am späten Nachmittag in Road Town auf
Tortola an.

Wir verbringen wieder ein paar unterhaltsame Stunden mit den
Formalitäten: Der Health Inspector schaut sich ganz genau die (vorher schon online
eingesendeten) Testergebnisse an, fragt, ob wir uns auch wirklich gesund fühlen
und reicht uns dann an Immigration weiter. Dort gibt es weitere Formulare
auszufüllen. Leider darf ich das Schild mit der Aufschrift “Lesen sie diese
Anweisungen und stellen Sie den Beamten am Schalter KEINE Fragen!” und “Wir
haben KEINE Kugelschreiber!” nicht fotografieren. Erst nachdem ich beim Zoll
war und bei Port Authority, und dort ausgiebig Gebühren bezahlt habe darf ich
mit den Pässen wieder zum Immigrations Officer, der mir griesgrämig die Stempel
darauf haut.

Doch was soll’s, wir sind drin! Und am gleichen Abend noch
komplett, weil unsere beiden Sunny Boys Marke und Timon anmustern. Sie sind auf
einer längeren Mittelamerika -Reise und aus Miami nach St. Thomas auf den US
Virgin Islands geflogen und danach mit der Fähre herüber nach “Great Britain”.
Die Freude ist groß, als wir am folgenden Tag auch Stefan und Ela am Flughafen
in Empfang nehmen können. Stefan ist nicht mehr “Boos-itiv” und konnte
problemlos einreisen.

Wir genießen schöne Tage an herrlichen Ankerplätzen über
glasklarem Wasser : Virgin Gorda, Sandy Spit und Joost van Dyke werden uns
unvergesslich bleiben.

Devil’s Bay, Virgin Gorda
Sandy Spit nahe Tortola
The Baths, Virgin Gorda

Little Jost van Dyke
Sandy Cay

Der Paradiesvogel zwischen den „Waschmaschinen“ in White Bay
 

 

Eigentlich wollten wir am Montagmorgen in Jost van Dyke
ausklarieren, um dann mit ausreichend Zeitpolster die Fahrt in die
Dominikanische Republik anzutreten. Doch welch Überraschung! Montags arbeitet
keiner bei Immigration! Dann geht es eben erst Dienstags los, sofort nachdem
wir unsere abgestempelten Pässe (nach einstündiger Wartezeit) wieder bekommen haben.

Manfred ist etwas nervös, weil er am Donnerstag seinen
Rückflug erreichen muß, doch das legt sich sofort, als ENDLICH ein Bonito am
Angelhaken zappelt! Und kurz darauf ein zweiter! Eine schöne Entschädigung für
die drei anglerisch erfolglosen Wochen der Atlantik-Überquerung!

Wir schlemmen: Grätenfreie, zartrosa Filets in Sesamkruste
mit Wasabi-Sauce und warmem Sushi-Reis.

Währenddessen geht es unter Spinnaker entlang der
puertoricanischen Küste nach Westen.

Wir haben uns die Einreise in die USA erspart, die neben
PCR-Test auch noch eine Fahrt ALLER Crewmitglieder mit der Fähre von Tortola
nach Saint Thomas (US Virgin Island) erfordert hätte. Dort bekäme man dann ein
ESTA-Visum, darf dann wieder zurück mit der Fähre, um dann mit dem eigenen
Schiff in USA einreisen zu dürfen.

Dazu hatten wir wenig Lust und schon gar keine Zeit. So
fahren wir brav außerhalb der 12 Meilen Zone (Hoheitsgrenzen) an Puerto Rico
vorbei und kommen am frühen Donnerstagmorgen in strömendem Regen in Punta Cana
an.

„Republikanische Dominik“

 


 

Wir taten gut daran, uns einen Hafenplatz in der Marina Cap
Cana zu reservieren. Somit werden die gesamten Formalitäten vom Hafenbüro aus
organisiert und wir müssen nicht herumrennen.

Marina Cap Cana: Bei den „reichen Leuten“

Wir dürfen längsseits in der surreal modern wirkenden Hafenanlage
anlegen. Das Schiff dürfen wir nicht verlassen, bevor die  “Authorities” eintreffen. Kurze Zeit später
sitzt das siebenköpfige 
Autoritäten-Komitee um unseren Tisch herum und studiert minutiös jeden
einzelnen Paß. Von Hand werden Paßnummern, Geburtsdaten, Ablaufdaten in
Formulare eingetragen, die ich schon vor drei Tagen online übermittelt hatte.
Dann untersucht ein “Agriculture Officer” meinen Kühlschrank: die Bananen aus
Jost van Dyke dürfe ich -ausnahmsweise- behalten, auch essen, doch die Schalen
darf ich auf keinen Fall hier in den Müll werfen. 30 Lufthansa-Jahre Erfahrung
mit Grenzkontrollen haben mich gelehrt, unbedingt mein freches Mundwerk zu
halten, und so nicke ich gehorsam und schüttle meinen Kopf nur innerlich.

Von Manfred heimlich fotografiert

Premiere: Schiffs-Inspektion der Largyalo! Jede, aber
wirklich JEDE Kabine, jeder Bodendeckel, jeder Bilgendeckel wird geöffnet und
untersucht. Wie vorhin schon erwähnt, ich frage NICHT, wonach sie suchen,
sondern gebe brav Antwort: “Das ist ein Gleitschirm, das sind Kletter-Karabiner,
das ist der Fäkalientank, nein der geht nicht auf….” Dabei stehen gleich zwei
Beamte auf Tuchfühlung neben mir, maskenfrei und gleichzeitig lauthals
telefonierend: “Noooo, Commandante, wir sind noch nicht fertig, das ist ein
riesengroßes, komisches Schiff mit unglaublich vielen Kabinen und Deckeln!”

Schließlich dürfen wir noch 180 US Dollar springen lassen:
“Wie, Sie haben es nicht kleiner? Rausgeld haben wir nicht!”.

Doch, was soll’s,  wir
waren ja gewarnt!

Manfred erreicht pünktlich seinen Heimflug, und wir anderen
bummeln staunend durch amerikanisch anmutende Shopping Malls (wo es
selbstverständlich sofort SIM-Karten gibt), lassen uns durch piekfein angelegte
Wohnanlagen kutschieren, wo die dominikanische Oberklasse residiert.

Die SXM-BVI-DomRep-Crew

Erst als Berti und ich, mittlerweile wieder von allen
verlassen, mit dem Mietauto unterwegs sind entdecken wir das echte
Mittelamerika: fröhlich, lärmig, stinkig und auch ein bißchen gefährlich.

Vor der Abreise erhalten wir nochmals Besuch von der
“Armada”, der militärischen Küstenwache der DomRep. Diesmal in Zivil, in
T-Shirt und Schirmmütze, reicht uns der Beamte ein schmuckvolles Formular:
unseren “Despacho”, ohne den wir uns nicht in dominikanischen Gewässern bewegen
dürfen. Wir müssen also in jedem Hafen, und von jedem Ankerplatz aus zuerst
einmal die Armada kontaktieren, uns persönlich anmelden, und vor der Abfahrt
wieder abmelden. Okaaaaaayyyyy….

Mit fein geputztem Schiff, gewaschener Wäsche und gefülltem
Kühlschrank legen wir nach drei Tagen in Punta Cana ab, um nach Süden zu
fahren.  Saona, eine wunderschöne Insel
wurde uns als Ankerplatz empfohlen. Dort liegen wir über knapp zwei Meter
Wasser und Hunderten von dicken Seesternen in glasklarem Wasser. Am Strand nur
ein paar Fischerhütten und dichter Mangroven-Wald.

Isla Saona, Mangrove Catuano

Wunderbarer Ort für Quarantäne

Doch Berti fühlt sich nicht wohl, und während ich die
Unterwasserwelt bewundere macht er einen Test: Positiv! Drei Tage ist er
richtig krank, und als es langsam besser wird, kommen auch bei mir die ersten
Symptome. SAONA wird uns immer als Insel CORONA in Erinnerung bleiben!

Von der Armada keine Spur, auch auf Kanal 16 herrscht
absolutes Schweigen. Auch recht, denn wir sind sicher hochansteckend.
Andererseits – wenn wir jetzt einen Notruf absetzen müßten, würde der wohl auch
ungehört verhallen.

Wir leiden in unserer wunderbaren Quarantäne-Umgebung vor
uns hin und sind Tage später einigermaßen wiederhergestellt, als wir unsere
vier neuen Matrosen im unweit gelegenen kleinen Ort willkommen heißen.

Silke hat die Largyalo in Sardinien kennengelernt. Sie macht
gerade eine lange Südamerika-Tour nach ihrem abgeschlossenen Studium und freut
sich wie Moritz (MoTer) und Susanna aus der Schweiz und unser Patensohn Moritz
(MoGrei) auf vier Segelwochen und vier Länder, die wir zusammen kennenlernen
wollen.

Doch zuerst einmal heißt es DESPACHO! Da ich immer noch
positiv bin halte ich mich von meinen Mitmenschen fern. An Bord ist es zwar
schwierig, aber möglich. Die jungen Leute übernehmen sofort die Küche und MoTer
, der fließend Spanisch spricht macht sich mit Berti zusammen auf zur
Armada-Station in Bayahibe, einem kleinen Badeort. Nach DREI Stunden kommen die
beiden zurück. Der diensthabende Beamte war überfordert, hat überall
herumtelefoniert, was er denn nun mit uns anfangen solle und schickt uns in die
größere Stadt La Romana, wo eine große Kommandatur der Armada ist. Dort müssen
wir in einem gruselig schmutzigen Fluß vor einer Brücke über Nacht ankern,
bevor wir – nach neuerlicher, „Inspektion“ unseren Freibrief für den nächsten
Ankerplatz bekommen. Bei dieser Inspektion wird allerdings nicht inspiziert,
sondern nur fotografiert. Aber nicht etwa die zu inspizierenden Räumlichkeit,
sondern der Inspekteur. Die Fotos sollen wohl nur dazu dienen,  daß die Armadisten ihren Vorgesetzten
beweisen können, welche schwere Arbeit sie ganz gewissenhaft machen.

Isla Catalina, DR Süd

 

Dann endlich sind wir wieder in einem karibischen Paradies:
Die Insel Catalina hält, was alle Prospekte versprechen: schönes Wasser,
interessante Tierwelt, aber auch einige Tagestouristen, die mit Ausflugsbooten
von La Romana herübergebracht werden, dort essen und Souvenirs kredenzt
bekommen und nachmittags wieder verschwunden sind. Abends und nachts sind wir
allein, zusammen mit den  vier
Armada-Soldaten, die hier Dienst tun.

Ich lerne sie gleich nach unsere Ankunft kennen, denn kaum
liegt unser Anker, klingelt auch schon mein (dominikanisches) Telefon: Ich soll
mich umgehend bei ihnen anmelden!

Brav lande ich mit dem Dinghi am Steg an und mache mich
auf  die Suche nach der Armada.  Ein schlampig gekleideter Typ schnappt sich
meine Papiere und zeigt mir den Weg. Leicht beunruhigt folge ich ihm in eine
kleine Baracke, in der sich ein weiterer Herr in Unterwäsche auf einem
Liegestuhl vor dem Ventilator fläzt. Man sieht einen Kühlschrank, ein paar
klapprige Stühle und einen Tisch mit Essensresten, im Nebenzimmer zwei
Stockbetten. Der “Offizier” bleibt in der Horizontalen und studiert eingehend
meine Papiere. Schließlich telefoniert er lange, überlegt noch eine Weile, dann
fotografiert er die Pässe und alle Papiere mit seinem Handy und entläßt mich.
Doch vor der Abfahrt müsse ich wiederkommen, um ein neues Despacho zu bekommen.

Die Armada bei der Arbeit

Meine Kräfte sind langsam wieder zurückgekehrt, und deshalb
verliere ich nicht meine gute Laune. Meine Crew ist unternehmungslustig, und
wir haben viel Spaß mit erkletterten Kokosnüssen und ertauchten Schildkröten
und Rochen.

Auf zum Unterwasser-Spaziergang

Moritz und Moritz hatten in Bayahibe unseren Autopiloten
wieder zum Leben erweckt, indem sie das Display, das zuviel Wasser abbekommen
hatte und nicht mehr funktonierte, zerlegten und mit Zahnbürste und Alkohol
säuberten. Diesen Tipp bekamen wir von einem netten russischen Segler, der
unser Schiff besichtigt hatte.

Auch der Kühlschrank ist gut gefüllt, denn in La Romana war
es zwar gruselig, doch es gab einen sehr gut bestückten Supermarkt.

Solchermaßen gerüstet beschließen wir, die Dominikanische
Republik auf dem kürzesten Weg zu verlassen.

Doch so einfach ist das nicht: zuerst muß ich bei  Leutnant Schiesser- Feinripp noch mein
Despacho abholen! Ich finde ihn tatsächlich immer noch, oder wieder in der
gleichen Position auf dem Liegestuhl, und er ist wenig begeistert, mich
wiederzusehen. Als er nach längerem Telefonat mit mürrischem Gesicht ein Blatt
Papier holt, sich an den schmutzigen Tisch setzt und beginnt, darauf Linien zu
ziehen schwant mir Schreckliches…

Doch er bastelt tatsächlich ein Formular, in das er alle
Namen, Paßnummern, etc. einträgt, sich dann bei der Hälfte natürlich
verschreibt, und nochmal von vorne beginnt.. 
Mir ist warm, ich fühle mich immer noch schlecht, und Geduld und
Contenance beginnen zu schwinden. Mein Vorschlag, ich könne doch die
“schwierigen” Namen selbst eintragen wird grummelig angenommen, und so habe ich
wenigstens etwas zu tun und das Gefühl, das Ganze zu beschleunigen. Nach einer
Stunde halte ich ein krumm und schief in zwei Schriften angefertigtes, aber
unterschriebenes Formular in der Hand, mit dem ich nun bis Boca Chica fahren
darf. Dort gebe es eine größere Kommandatur, die uns dann ein internationales
Despacho ausfertigen könne und auch die Pässe zur Ausreise freistempeln würde.

Am nächsten Morgen ganz früh machen wir uns auf nach Boca
Chica.

Von dort bis Montego Bay darf ich Moritz Teriete‘s
Reiseberichte einfügen, die er so wunderbar verfasst hat:Wir
fahren zum ersten Mal unter Segel, der Spinnaker zieht uns mit lockeren 5
Knoten zügig voran. Wellen und Wind von hinten, dass Sonnensegel an Deck kann
aufgespannt bleiben, an Bord gibt es reichlich Platz zum Essen, Chillen, Lesen,
Dösen… so segelt es sich extrem entspannt und komfortabel.

Was
wir während der Fahrt nicht ahnen ist, dass es in Boca Chica noch einmal
richtig dicke kommen soll!

Vor der ZarPar Marina, Boca Chica (unbedingt NICHT hingehen!)

 

Als wir in die Lagune einlaufen und vor der Marina im
Flachwasser vor Anker gehen herrscht um uns herum schon das reinste Chaos auf
dem Wasser. Etliche Boote liegen vor Anker, auf jedem von ihnen Party pur,
teils mit Lautsprechern, die für ein Open Air Festival reichen würden. Jedes
Boot versucht dabei die Lautstärke der anderen möglichst zu übertrumpfen. 2
Speedboote und mind. 20 Jetskis rasen nicht nur kreuz und quer um die Boote
herum sondern teilweise auch nur haarscharf an badenden Leuten vorbei. Das
vorherrschende Bild: Typen mit Plauze und/oder aufgepumpten und tätowierten
Oberkörpern umkreisen mit laut aufheulenden Motoren die Boote mit tanzenden,
selfiemachenden Ladies! Ab und zu zeigt dieses etwas proletenhafte
Balzverhalten sogar tatsächlich Erfolg und die ein oder andere Lady darf sich
vor oder hinter den Jetski Macho setzen. Eine von diesen wird etwas übermütig,
dreht zu fest am Gas und schmeisst ihren Casanova direkt vor unseren Augen
hinten vom Pferd… pardon, Jetski. Wir kommen aus dem Staunen und Lachen nicht
heraus.
Das
Lachen über die Partymeile auf See vergeht uns aber als wir von der Marina und
der Armada erfahren, dass wir nicht ankern dürfen, sondern verpflichtet werden,
in der sauteuren Marina anzulegen. Echt jetzt, hier in diesem Lärm und im
Dreckwasser des Hafens sollen wir übernachten?? Nichts mit schwimmen am Abend
und am Morgen? Und um uns dort anzumelden sind 6 Beamte notwendig?!
Wir
beschliessen dem Chaos zumindest kurz zu entfliehen und den Ort zu Fuß zu
erkunden und die Gelegenheit für einen Einkauf zu nutzen. Berti der arme
Kapitän muss an Bord bleiben und den Lärm allein ertragen.

Als wir bei der Rückkehr erfahren, das morgen der día de la
madre, der lokale Muttertag ist, schwindet unsere letzte Hoffnung, dass
zumindest die Nacht ruhig wird. Die Party geht bis morgens um 7 Uhr. Selbst
Ohropax hilft nicht gegen Reggaeton, Salsa, Techno auf See in voller
Lautstärke. Warum wir nicht in der Lagune ankern und übernachten dürfen,
während es für die 20 Partyboote kein Problem ist, bleibt uns ein Rätsel…

Es
dauert noch bis um 4 Uhr am Nachmittag, bis alle Papiere in Ordnung, sämtliche
Pässe 4x kopiert sind und die Largyalo nochmal inspiziert ist.
Die
erzwungene Zeit im Hafen nutzen wir immerhin, um Wäsche zu waschen, Wasser
aufzufüllen, Müll abzuladen und das Deck zu schrubben…
Bis
die Wartezeit in plötzliche Hektik umschlägt. Die Tinte der Ausreisestempel in
unseren Pässen ist noch nicht trocken, da werden wir angewiesen SOFORT den
Hafen zu verlassen. Es stehen mehrere Bedienstete der Armada sowie der Marina
am Schiff und passen auf, dass niemand dieses mehr verlässt und warten bis wir
ablegen.
Was
haben sie hier in der Dominikanischen Republik nur gegen Segler?!

Nachdem
der Aufbruch von Boca Chica so überstürzt erfolgen musste, muss bei der Crew
erst noch die Erkenntnis einsinken, dass wir nun mindestens 24 Stunden auf See
sein werden, vielleicht sogar 3,5 Tage, sollte ein
Zwischenstopp vor der Isla Beata nicht mehr möglich sein. Offiziell dürfen wir
zwar trotz bereits erfolgter Ausreise auch im Gebiet der Dominikanischen
Republik noch für Ruhepausen vor Anker gehen, aber nach den bisherigen
Erfahrungen trauen wir der lokalen Armada so einiges zu. Daher wollen wir uns
lieber nicht zu früh freuen.
Überrascht
werden wir nicht nur davon, dass plötzlich die erste längere Überfahrt ansteht,
sondern auch von den Bedingungen, die draussen herrschen!

Wir schauen uns gerade noch die riesigen Containerschiffe an,
die hier in den Hafen manövriert werden, sowie ein paar Surfer, die hier
erstaunlich gute Wellen surfen, da werden wir schon von der ersten Welle
erwischt, die an Deck spritzt. In der Eile haben wir Sonnensegel, unsere
Wäsche, die in der Sonne trocknet, Fender, Hängematten und Stühle nicht
rechtzeitig verstauen können. Das holen wir nun nach bei 2 Meter Wellen von
vorn. Auch das Briefing der Crew sowie die Einteilung der Wachen erfolgt jetzt.
Aber auch wenn wir alle etwas kalt erwischt wurden und uns noch etwas an diese
neuen Bedingungen „akklimatisieren“ müssen, merken wir schnell, dass
dies für Petra und Berti alles reine Routine ist. Berti steuert, Petra zaubert
in der Küche trotz kräftigem Geschaukel ein leckeres Abendessen…
Wir
segeln nun in die Nacht hinein… Was sich so schön und chillig anhört, ist
allerdings alles andere als angenehm und ganz anders als bei der ersten
längeren Fahrt am Tag zuvor, wo wir mit dem Spinnaker und relativ kleinen
Wellen extrem gemütlich unterwegs waren. Jetzt haben wir hohen Wellengang und
die Segel knallen. Der achterliche Wind ist anspruchsvoll und dreht immer
wieder plötzlich, sodass Berti von den Wachen dauernd aus seiner Kabine geholt
werden muss, um die Segel neu zu trimmen.

Bei uns in der Kabine ist es ziemlich laut, da die Wellen von
Backbord immer stark gegen unseren Steuerbordrumpf schlagen. Dazu ist’s
stickig… wir müssen alle Luken schließen, da immer wieder Wellen von unter
Deck hoch spritzen.

Der
Sternenhimmel allerdings ist genial, obwohl wir noch immer recht nah zur Küste
segeln und die Instrumente leuchten. Und je mehr wir uns an das Schaukeln und
Rumpeln gewöhnen, desto mehr können wir das Abenteuer geniessen auf See zu
sein, nach anderen Schiffen Ausschau zu halten, den Kurs zu halten, die Segel
zu trimmen und unserem nächsten Ziel langsam aber sicher, nur mit der Kraft des
Windes näher zu kommen!

                                                  Isla Beata – Die
Insel der Glückseligen

Endlich
Ruhe! Keine Wellen und kein Schaukeln mehr. Endlich Erholung.

Wir sind im Lee der Isla Beata geschützt vor den
Wellen und es weht nur noch eine leichte Brise.

Wir brauchen zwar etwas, bis wir zwei Anker so in dem
harten Korallensand platziert haben, dass sie uns sicher an Ort und Stelle
halten, aber dann können wir uns entspannen, schwimmen gehen und den Abend
genießen. Wir beschließen, den ganzen nächsten Tag hier zu verbringen, nochmals
ein paar Reparaturen vorzunehmen und Kräfte zu sammeln, bevor wir dann ca. zweieinhalb Tage bis nach Jamaika durchsegeln.
Die
Aussicht auf einen ruhigen Tag mit Schnorcheln im glasklaren Wasser und einer
Erkundung der unbewohnten Insel hebt die Stimmung bei uns allen nochmals an.

Und tatsächlich, die Insel ist ein Traum. Bevor wir jedoch
unsere „Freizeit“ geniessen dürfen, stehen noch einige Arbeiten an,
die erledigt werden wollen.
Am
Tag zuvor ist uns eine Leine vom Lazy Bag (einem Sack, in dem das Großsegel
verstaut ist, solange es nicht benutzt wird) oben am Mast gerissen.

Silke, die
Leichteste von uns allen, wird in einem umfunktionierten Gleitschirmgurt am
Mast hochgezogen und muss dort eine neuen Verbindungsknoten stecken. Auch der
Tiefenmesser war tags zuvor ausgefallen und wir müssen den Echolotgeber am
Unterwasserschiff sowie die Kabelverbindungen checken. Und endlich schaffen wir
es auch mit vereinten Kräften, die Absenkvorrichtung der Schiffsschrauben
wieder gängig zu machen. Diese hatte bisher geklemmt, sodass die Propeller bei
Fahrt unter Segel im Wasser bleiben mussten, was uns einerseits Geschwindigkeit
gekostet und gleichzeitig ziemlichen Lärm verursacht hat.

Der Fischer freut sich über ein kaltes Bier
Ein Kessel bunter Fisch

Die Armada, gut gelaunt, nachdem sie ein „Geschenk“ kassiert haben

 

Als
wir gerade ein paar Fischern einen Teil ihres Fangs abkaufen, kommt wie schon
fast erwartet auch die Armada wieder zu uns. Sie verjagen die Fischer, und
fragen uns nach den Papieren und warum wir hier ankern, obwohl wir doch
eigentlich auf dem Weg nach Jamaika sind. Zum Glück sind sie dieses Mal recht
nett und lassen die Reparaturen als Grund gelten. Nach einem kurzen Schwätzchen
bei kalten Getränken an Bord und mit zwei alten Seilen und einer Flasche Rum
verschwinden sie wieder und lassen uns danach in Ruhe.
Nach
getaner Arbeit machen wir uns zu viert auf zur Insel. Wir haben von Bord ein
paar hohe Felsklippen ausgemacht, die wir uns anschauen wollen. Unter Wasser
sehen wir nicht nur riesige Einsiedlerkrebse, Langusten, Rochen, Kofferfische,
Feuerfische und einen Aal, sondern finden auch mehrere Höhlen und Grotten,
deren Eingänge teilweise nur knapp unter dem Wasser liegen, die aber mit ein
paar Metern klettern und tauchen einigermaßen gut zugänglich sind… Die
Stimmung im Inneren haut uns um! Alles leuchtet in schönsten Türkis- und
Blautönen! Wie gut, dass Silke ihr wasserfestes Handy im Drybag mitgenommen
hat!! Als uns auf dem Rückweg sogar noch ein 1,5 Meter langer Leguan vor die
Nase läuft ist der Tag perfekt!

                                                           DomRep
nach Jamaica


 

Um 2
Uhr nachts geht es los, Berti holt uns alle aus den Kojen, jeder bekommt eine
Aufgabe, die beiden Anker lichten, Ausschau halten nach den zahlreichen
Fischerbojen, damit diese sich nicht in den Schrauben
verfangen und, nachdem wir weit genug draussen sind, den Spinnaker setzen.
Danach dürfen wir wieder in die Kojen, Berti übernimmt die erste Wache.
Normalerweise wird er eigentlich nicht für Wachen eingeteilt, da er durchgehend
auf Standby ist und jeden Moment für verschiedensten Sachen aus seiner Koje
geholt wird. Mehr als 1-2 Stunden Schlaf am Stück sind da für ihn nur selten
drin! Das schwere Los des Kapitäns! 😉
60
Stunden segeln liegen vor uns, zum Glück haben die beiden Möritze den Autopilot
wieder flott gekriegt. So sind dann die Wachen meist sehr entspannt. Vor allem
die Wachen bei Nacht kann man richtig genießen, denn selbst im T-Shirt ist es
nachts angenehm warm. Ganz allein im Dunkeln an Deck den Sternenhimmel
bewundern und den Wind um die Nase spüren. Ab und zu den Horizont nach anderen
Schiffen absuchen, Geschwindigkeit, Wind und Segel checken und dazu ein Hörbuch
hören oder einfach nur den Wellen zuhören oder das Leuchtplankton bewundern!
Herrlich!
Tagsüber
ist es hingegen oft sehr heiss und trotz Sonnensegel und stetem Wind ziemlich
anstrengend. Auch sieht man tagsüber die Ausmaße der Braunalgenplage. Ganze
Teppiche von Braunalgen sind unterwegs. Es gibt eigentlich kaum Momente, wo wir
keine Algen sehen. Auch MoGrei ist verzweifelt… Die Algen machen es fast
unmöglich, während der Fahrt die Angel auszuwerfen. Spätestens nach 2 Minuten
ist der Köder in einem kiloschweren Algenbündel verschwunden.

Da wir gen Westen segeln zieht uns der Spinnaker nicht nur mit
6 Knoten recht flott übers Wasser… Am Nachmittag spendet er uns auch noch
angenehm kühlenden Schatten! Je tiefer die Sonne sinkt, desto angenehmer wird
es auch wieder sich an Bord aufzuhalten.

Als Petra uns kurz vor Sonnenuntergang plötzlich mit Bob
Marley aus der Boom Box und einem eisgekühlten Cocktail überrascht, ist der der
Segeltraum wieder perfekt! Es gibt tatsächlich eine Eismaschine an Bord und
Petra zaubert aus frischer Ananas, Orange und Limette, Kokosnussmilch, etwas
Muskatnuss und viel braunem Rum einen exzellenten Sundowner.

Yoga für Alle

 

Wir
halten uns übrigens fern von der haitianischen Küste und fahren nachts ohne
Beleuchtung. Die Dominikanische Armada auf der Isla Beata hat uns zwar
versichert, dass es momentan keine Probleme gebe,  aufgrund einer Vielzahl von Kommentaren in
diversen Foren über Piraterie in Haiti wollen wir aber lieber auf Nummer Sicher
gehen.

Nur
noch eine Nachtfahrt und wir sind in Jamaika! Als ich Silke um 2 Uhr von ihrer
Wache ablöse, sieht man bereits die ersten Lichter an der Küste und man riecht
sogar das Land! Es riecht nach Rauch… Und sogar
irgendwie würzig, als ob jemand nebenan ein leckeres Curry zubereitet.
Im
Morgengrauen sind nun bereits die ersten Hügel und sogar richtig hohe Berge
dahinter erkennbar..

Die
überraschend schöne „Errol Flynn Marina“ erwartet uns in San Antonio, ausser
uns liegen nur vier andere Schiffe hier. Kein Rummel, die Bucht ist wunderschön,
und um uns herum sprießt das Grün! Im Hintergrund sind die Blue Mountains zu
sehen, dem Ort wo der teuerste Kaffee der Welt wächst. Und auch wenn es wie ein
Klischee erscheint, in der Ferne wehen tatsächlich schon die ersten
Reggae-Klänge zu uns herüber.
Wir
hissen die gelbe Quarantäne-Flagge… Nicht weil, wir Corona oder die Pest an
Bord haben, sondern um dem Zoll und der Immigrationsbehörde zu signalisieren,
dass wir gerne in Jamaika „einklarieren“ möchten.

Nun heißt es erstmal warten, bis die unterschiedlichen
Behörden zu uns an Bord kommen. Und auch diesbezüglich werden wir positiv
überrascht. Alles läuft freundlich, zügig und sehr organisiert ab. Zuerst
kommen zwei Herren von den Departements Landwirtschaft und Gesundheit, kurz
darauf der Zoll, woraufhin wir uns bereits an Land gehen dürfen und den
marinaeigenen Pool und Strand besuchen können. Im Laufe des Tages bekommen wir
dann auch die Einreisestempel und sind nun offiziell in Jamaika angekommen.

Eine
Wohltat nach den leider weniger guten Erfahrungen in der Dominikanischen
Republik.

 

„Im Biomarkt“ in Port Antonio

 

 Wir mieten für zwei Tage einen Geländewagen,
um damit ein wenig die Umgebung und das Landesinnere zu erkunden.

Am
Nachmittag fahren wir mit diesem neuen, mittlerweile etwas ungewohnten
Fortbewegungsmittel (wo sind denn hier die Segel?), zu den Nanny-Falls. Auch
die Rollen werden neu gemischt. Der Kapitän kommt auf die hinterste Bank, der
jüngere der beiden Möritze ist der neue Steuermann.

Nur zweimal müssen wir ihn mit lauten „LINKS!!!“
Rufen an den Linksverkehr erinnern… Ansonsten schaukelt er uns genauso sicher
über die holprigen Straßen wie sonst Berti über die See.

 
Sonnenverwöhnt
wie wir sind nehmen wir alle unsere Badehosen mit, um im Wasserfall zu
schwimmen… keine/r von uns rechnet mit dem plötzlich aufziehenden Regen.
Schon auf dem Hinweg fängt es an zu tröpfeln und als wir den Wagen abstellen
wird er langsam stärker. Reisegruppe Largyalo macht sich natürlich trotzdem auf
den Weg… im Rucksack und unter Elefantenohr-Blättern werden schon alle Handys
und Kameras trocken bleiben. Irgendwann wird uns aber klar, dass dies wohl eher
Wunschdenken war. Spätestens als wir auf den letzten Metern sogar noch ein
wenig klettern und über rutschige Felsen durch den Fluss waten müssen, geht es
nur noch um Schadensbegrenzung. Der Wasserfall ist super, und kalt ist es auch
nicht. Richtiges REGENwald-Feeling eben. Als wir für ein Foto im Pool unterhalb
des Wasserfalls stehen realisiere ich plötzlich, dass ich meinen Reisepass noch
in der Hosentasche habe und verstaue ihn patschnass im Rucksack. Kurz darauf
rutscht Petra auf dem Rückweg auf den glitschigen Steinen aus und landet
mitsamt Rucksack, in dem auch Bertis Kamera ist, im Wasser.


 

 

Die Stimmung ist aber immer noch super… Das absolute
Highlight: als Petra uns auf dem Rückweg irgendwann mitteilt, unser Kapitän
habe sich auf der hintersten Sitzbank zum Trocknen ausgezogen und sitze nun
splitterfasernackt da hinten. Wir können nicht mehr vor Lachen und hoffen fast
schon auf eine Polizeikontrolle, die aber leider nicht kommen will.

In den darauffolgenden Tagen nimmt dieses Mal Bertis Kamera
ein mehrtägiges Reisbad, während mein Reisepass sich die Sonne auf den Pelz
scheinen lässt. Er hat zwar nun etwas Ähnlichkeit mit einem Grünkohl, aber
immerhin sind die meisten Stempel noch gut zu erkennen.

 

 

Herrlich
diese Insel… Lauter tiefenentspannte Menschen und eine wunderbare Natur!

Wir
verlassen Port Antonio gegen Mittag und segeln die jamaikanische Nordküste
entlang bis zur nicht allzu weit entfernten Hope Bay. Die Bucht ist genauso
schön wie ihr Name! Wir ankern komplett allein vor einem
Strand mit wunderschön feinem schwarzen Sand.

 

Segelversuche mit Bambusmast


 

Abschied von Jamaica in Montego Bay

Montego
Bay, Kingston, Bob Marley, Reggae und Marihuana….
Das ist alles, was ich
vor ein paar Wochen noch mit Jamaica assoziiert hätte.

 

Wir sind froh, daß wir unsere ersten und nachhaltigen
jamaicanischen Eindrücke in Port Antonio erhalten haben, denn Montego Bay,
auch  „Mo’Bay” genannt, gefällt uns lange
nicht so gut.

Doch auch hier ist der Empfang herzlich: Kaum liegt unser
Anker vor dem Royal Jamaican Yachtclub besucht uns auch  schon die Polizei! Wieder einmal werden wir
und unser kurioses Schiff neugierig kontrolliert. Doch alles geschieht
freundlich und mit viel Humor. Unter großem Hallo werden die weiblichen
Matrosen sogar per Polizeiboot an Land gebracht, während die Männer im
LARGYALinghi fahren müssen.

Die Damen in „Polizei-Gewahrsam“

 Im Garten des Yachtclubs erwarten uns schon die
Beamtinnen von Customs und Immigration und nach der üblichen Formularflut sind
wir bald offiziell aus Jamaica ausklariert.

Doch hier werden wir nicht sofort weggeschickt, sondern
dürfen noch 24 Stunden im Land bleiben.

Formulare, Formulare: Aber diesmal gab es sogar Blaupapier!

 

In einem sehr amerikanisch anmutenden riesigen Supermarkt
decken wir uns gut ein für die kommenden sechs Tage auf See.

 

 

Die Wetterprognose ist nicht gut, draußen stürmt und
gewittert es und eine Front jagt die nächste. Daher warten wir noch eine Nacht
vor Anker ab, am 7 Miles Beach von Negril, ganz im Westen von Jamaica. Am
Morgen nach dem Frühstück bekommen wir auch schon wieder Besuch von der Marine
Polizei. Die 24 Stunden, die wir bleiben dürfen sind schon abgelaufen und wir
sind mittlerweile illegal hier. Aber in Jamaica ist das kein Problem. Dort ist
alles und jeder völlig gechillt, sogar die Polizei. Die beiden Beamten sind super
freundlich, und man hat eher das Gefühl sie sind Angestellte des
Fremdenverkehrsamts. Sie laden uns ein, wieder zu kommen und die netten Leute
hier kennen zu lernen. Uns fällt auf, daß die Polizisten alle unbewaffnet sind,
im Gegensatz zur DomRep. Dort hatte immer mindestens einer eine
Schnellfeuerwaffe im Anschlag.

Am Tag danach geht’s auch endlich los. Durch den Wartetag
und auf einem etwas nördlichen Kurs sollten wir den ärgsten Gewitterfronten mit
etwas Glück auskommen.

620 Seemeilen liegen vor uns, der Kurs ist auf Placencia,
Belize angelegt, und wir segeln gemächlich mit nachlassendem halben Wind. Eine
große, muntere Delfingruppe besucht uns und später erlaubt der Kaptän sogar ein
Bad über 2000m Tiefe! Dann schieben uns die Motoren durch die Flaute. 

  

 

 

Keine Angst, es ist tief genug!

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

Doch bald brauchen wir sie nicht mehr, denn wir haben fast
das Tiefdruckgebiet erreicht, das vor uns herzieht. Gewitter und Wetterleuchten
in der Ferne, die Wellen werden gröber und der Wind nimmt zu, so dass wir unter
Segel gut vorankommen. Wir fahren stark gerefft, denn wenn wir zu schnell sind,
fahren wir direkt in das schlechte Wetter hinein. 

Kurz vor Dunkelwerden am zweiten Tag baut sich in kurzer
Zeit eine pechschwarze Wand hinter uns auf. Das bedeutet, eine Böenwalze rast
auf uns zu und wird uns in den nächsten 10-15 Minuten erreichen. Schnell
verstauen wir alle losen Teile oder binden sie fest. Die Fock wird noch
abgenommen und das Groß ist eh schon auf 2. Reff. Und schon überrollt uns von
hinten eine Wand aus Sturz-Regen und Böen mit über 45kn. Largyalo pflügt mit
über 15 kn durchs Wasser. Eigentlich hat‘s richtig Spaß gemacht, denn
gefährlich war die Situation ja nicht, nur sehr beeindruckend, welchen
Naturgewalten man manchmal ausgesetzt ist.

 

Alles im Griff!

 

Nach einer halben Stunde ist der Zauber wieder vorbei. Und
was danach kommt ist das, was man am wenigsten mag: kaum noch Wind, aber
unangenehme Wellen aus allen Richtungen. Wir müssen sogar zeitweise mit Motor
anschieben, damit das Schiff nicht quer schlägt.

 

So geht das durch die ganze Nacht. Die Crew ist sehr
gefordert, zwar steuert brav der Autopilot, doch die Wachen im Zwei- Stunden
Rhythmus sind sehr anstrengend. Es kracht und spritzt, an Schlaf in den Kabinen
ist kaum zu denken. Am nächsten Tag zieht 
der Wind wieder an und die großen Wellen von schräg achtern und der
einsetzende Regen machen die Fahrt weiter ungemütlich.

 

Silke kann nichts erschüttern

 

Dann wird es endlich ruhiger. Jedenfalls die Wellen sind nun
angenehm, dafür sorgt aber der Wind für ein gutes Vorwärtskommen. MoGrei, der
in Montego Bay dem Angelköder-Sortiment ein Upgrade verschafft hat beschert uns
einen weißen Tuna und am Tag danach noch eine ordentliche Goldmakrele. 

 

 

Die Kapitäne treffen
eine Entscheidung

Das Armada-Drama in der DomRep hat uns sehr aufgehalten, auf Jamaica war es so schön, daß wir dort länger geblieben sind als geplant, und durch das Warten auf gute Bedingungen wird uns die Zeit jetzt knapp.  Es bleiben uns nur noch 5 Tage, bevor
wir in Rio Dulce sein müssen, von wo aus zwei von uns gebuchte Rückflüge haben.
Die Einreise nach Belize wird als zeitaufwendig und kostenintensiv beschrieben.  Daher beschließen
wir, direkt Kurs auf Livingston an der Mündung des Rio Dulce zu nehmen.

Die Stimmung an Bord ist gedrückt, denn wir alle hatten uns
auf Belize‘s Barriere-Riff mit seiner reichen Unterwasserwelt gefreut. Doch es
wird sich später herausstellen, daß wir wegen Starkwind gar nicht bei den
Cays hätten ankern können. Starke Regenfälle im Landesinnern hatten die
zahlreichen Flüsse, die ins Meer münden derart ansteigen lassen, daß das Wasser
trüb war.

 

 

Die Gastlandflagge von Guatemala müssen wir uns selbst basteln

 

Livingston, Guatemala

Waschsalon, einmal anders…

 

 

 

Doch alle Mühe ist vergessen, als wir endlich anker auf
gehen können und in den Fluß einfahren, der zunächst durch eine tiefe Schlucht
führt.

Zu beiden Seiten des Ufers ragt der Urwald auf, es kreischt,
kracht und keckert aus dem tiefen Grün: Wir sind im Dschungel! Das muß
dokumentiert werden! So rasen MoGrei und ich mit dem Dinghi voraus, um den
glorreichen Moment der ersten Largyalo-Flußfahrt zu filmen und fotografieren.

James hätte seine helle Freude!

 

Da es auf halber Strecke bereits dunkel wird ankern wir im
Kehrwasser hinter einer Flussbiegung. Es ist eine unglaubliche Szenerie, in
dieser Schlucht und ganz nah am Urwald zu ankern. Als es dunkel ist fliegen
Fledermäuse ganz dicht über unsere Köpfe, und überall sind riesengroße Glühwürmchen
zu sehen. Es sieht aus, als ob sich die Affen im Wald mit Stirnlampen von Ast
zu Ast hangeln.

Am nächsten Tag ankern wir nochmal an der Abzweigung zu
einem Seitenarm und unsere Matrosen machen sich auf eine Erkundungstour  bis zur Quelle dieses Flusses. Wir erkunden
derweil mit dem Kanu die nähere Umgebung durch Seerosenteppiche, mit bunten
Vögeln und großen Leguanen, niedrigen Schlifdachhäuser mit kleinen Stegen
davor, freundlich winkende Leute, die auf ihren flachen und (lauten)
Motorbooten vorbeirasen. Gegen Abend erreichen wir den Golfete, eine größere
Ausdehnung des Flusses. Hier soll sich ein Manatee-Reservat befinden, das wir
uns ansehen wollen. Doch wir sehen nur ein paar Fischerhütten, eine kleinen
Insel mit Schilfdickicht davor.  In herrlicher
Stille (weil hier kein Durchgangsverkehr herrscht) paddle ich im Abendlicht um
das Inselchen herum und bemerke keine einzige Seekuh. Von einem freundlichen
Mann, der uns vom Kanu aus Obst und Gemüse verkauft lassen wir uns am nächsten
Tag zu den Stellen führen, wo tatsächlich Seekühe sind: Es ist genau da, wo ich
am Vorabend unter dem Blätterdach der Insel im Kanu sitzend einen Regenguß
abgewartet habe. Zwei- oder dreimal taucht eine schwarze Nase auf, schnauft und
ist auch gleich wieder verschwunden.

Warten auf die Seekuh….

 

Ob es auch Krokodile gäbe, wollen wir wissen. Na klar,
gleich eine Meile flußaufwärts in einem Seitenarm würde man ab und zu welche
sehen. Da fahren wir am gleichen Abend noch hin und ankern vor der
Flußabzweigung. Unsere Pioniere machen sich sofort expeditionsbereit und
verschwinden mit dem Dinghi im Schilf. Sie treffen einige Fischer, die
bestätigen, daß es hier COCODRILLOS gibt (das R steht auf spanisch an anderer
Stelle). Doch keines will sich zeigen.

Crocodile Berti und ich machen uns am folgenden Morgen
bereit, um mit unserem Kanu in den Flußarm zu paddeln. Lautlos haben wir
vielleicht bessere Chancen. Um schöne Fotos zu machen muß das Handy mit, wird
aber vorsorglich in eine nicht ganz wasserdichte Hülle mit langer Leine daran
verstaut. Leider kippen wir beim Einsteigen um, und das Telefon versinkt im
Fluß. Katastrophe! Ohne einen einzigen Gedanken an Krokodile, Ohrinfektionen,
Amöben oder Seekühe zu verschwenden stürzt sich ein Großteil der Crew ins
braune Flußwasser.

Schnell wird klar, daß man selbst mit Taucherbrille und -lampe
kaum etwas sieht. Man taucht ab und nach drei Metern stecken die Hände in
weichem Schlamm. Doch wir geben nicht auf, markieren die abgesuchten Abschnitte
mit einer Boje und tasten Meter für Meter den wabernden Flußboden ab.

Aber irgendwie scheint es aussichtslos zu sein, und die
Motivation nimmt rasch ab. Auch der Kapitän schätzt die Chance, das Teil zu
finden als sehr gering ein und schaut dem Treiben nur noch von der Badeleiter
aus zu. Er wägt wohl ab, wieviele Jahre seines Lebens ihn die anstrengenden
Tauchgänge wohl kosten werden, vor allem wenn er dort unten statt Handy eine
gepanzerte Echse von vier Metern Länge findet, 
dagegen, wieviele Jahres seines Lebens ihn eine traurige, enttäuschte
und stinksauere Frau kosten wird. Deren hilfesuchender Blick und unmissverständiche
Anweisung gefälligst mitzusuchen hat wohl die Waagschale in Richtung Krokodil
ausschlagen lassen.

Als angewandter Physiker, der er ist, kalkuliert er erst
einmal Strömungsrichtung, Wasserdichte, und Schiffsbewegung unter Einbeziehung
von Form und Gewicht des Handybeutels, bevor er dann außerhalb des bereits
abgesuchten Gebiets nach vorne gegen die Strömung abtaucht.

Doch  nichts ist zu
sehen, beziehungsweise zu ertasten. Kurz vor dem Auftauchen nimmt er im
Augenwinkel eine Bewegung wahr: ein Krokodil? Nein, es ist die Schnur am Beutel
des Drybags, die senkrecht aufschwimmt, der Beutel selbst steckt tief im
Schlamm und hätte gar nicht gefunden werden können!

Das Grinsen, mit dem er aus dem braunen Wasser auftaucht und
die Aufforderung, wir sollten jetzt die Suche einstellen, es habe keinen Zweck
mehr sagt mir sofort, daß er Erfolg hatte!

Ich freue mich königlich, denn das Telefon scheint sogar
noch zu funktionieren! Doch leider erweist sich später nach tagelangem Reisbad,
daß die Batterie den Tauchgang nicht überlebt hat.

Am Mittag erreichen wir unseren Hafen, die NANAJUANA Marina.
Wir sind angenehm überrascht von der wunderschönen Anlage, die aus einem Hotel,
einem Restaurant, einer Arbeitswerft und einer kleinen Marina mit Stegen direkt
am Dschungel besteht.

 

Hier verlassen uns unsere vier Matrosen, mit denen wir in
den letzten Wochen so viel erlebt haben.

 

Wir genießen es, angekommen zu sein. Das Zigeunerleben liegt
uns im Blut und paßt zu uns, doch es ist auch mal schön, irgendwo länger zu
bleiben. Die letzten Monate waren angefüllt mit Abenteuern und Herausforderungen.
Zwölf Inseln und Länder, tausende von Seemeilen, 25 Matrosen, das war spannend
und bereichernd. Neun Ein- und Ausklarierungen, zwei negative und zwei positive
Coronatests, manche Begegnungen mit uniformierten, lauten oder unfreundlichen
Leuten…. , darauf hätten wir verzichten können.

Jetzt arbeiten wir am Schiff, soweit es die Temperaturen und
die Niederschlagsmengen erlauben, und bereiten uns vor, nächste Woche an Land
gezogen zu werden.

Wir freuen uns auf den hoffentlich noch anhaltenden
deutschen Sommer und darauf, viele Freunde und unsere Familien wiederzusehen!

 

 

 

 

 

 

 

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