Es hat BUMS gemacht!
Gerade wenn man denkt: „Jetzt klappt gerade alles bestens!“ beschert einem das Leben manchmal einen ordentlichen Dämpfer.
Die erste Nacht vor Anker nahe Preveza war ruhig und sehr erholsam. Manfred behauptet, der üppig grün bewachsene Küstenabschnitt in der Zufahrt des Ambrakischen Golfes erinnere ihn an Dänemark.
Jedenfalls genießen wir die ländliche Stille, nur unterbrochen von Hähnekrähen und (dezentem) Hundegebell. Am nächsten Morgen wird Manfred per Dinghi ins nahegelegene Preveza gebracht, weil er uns wieder verlassen muß.


(Hügeliges Dänemark)

Ich genieße meinen ersten griechischen Kaffee mit Sesamkringel und freue mich, die vertraute Umgebung wieder zu finden. Danach geht es direkt zur Hafenpolizei. Unsere Ankunft muß amtlich angemeldet werden, was selbstverständlich gleich mal 15 Euro kostet. Dann werden unsere Coronatest-Ergebnisse genauestens überprüft. Glücklicherweise sind wir schnell genug gesegelt, um die 72 Stunden, die der Test gültig ist nicht zu überschreiten.
Tatsächlich war es die schnellste Überfahrt von Sizilien nach Griechenland, die wir je hatten. 49 Stunden von Kap Spartivento in Kalabrien bis Preveza. Die erste Segelnacht war extrem ruppig und ungemütlich. Gegen Morgen nahmen wir sogar noch ein Reff dazu, einfach um langsamer zu werden und die Schläge abzumildern. Dennoch ging es mit 7 Knoten zügig durch die Wellenberge.
Die neuen Motoren durften gar nicht soviel brummen, funktionieren aber bestens. Die zweite Nacht war dann ein purer Genuß: Mit einem Affenzahn (an die acht Knoten) unter allen Segeln durch ziemlich ruhige See. Ein Zischen und Rauschen, ein Singen in den Wanten, ein leises Zittern, und ab und zu ein kleiner Hopser- das alles unter sternenklarem Himmel, weit und breit und auch auf AIS und Radar kein Schiff zu sehen, gegen Morgen dann weit vorne ein Rudel Delfine, das zielsicher auf uns zugestürmt kommt. Übermütig turnen die Kameraden vor unseren Bügen hin und her und scheinen bester Laune!

Die haben wir auch, als am Horizont die Berge von Kefalonia auftauchen. Das griechische Badewasser wird getestet und für wärmer und weicher als das sizilianische befunden. Dann geht es auch schon weiter denn wir wollen Manfred pünktlich am Flughafen abliefern.

So weit, so supergut.
Mit meiner Ankunftsbestätigung im Rucksack schlendere ich den Hafenkai entlang, um schon mal zu checken ob ein „Parkplatz“ für uns frei ist.
Preveza ist noch sehr verschlafen, die Saison hat zwar schon begonnen, doch die Touristen wollen noch nicht so recht kommen. Ein breite Lücke zum Anlegen direkt vor dem Hafenbüro ist frei. Frohgemut steige ich ins Dinghi und brause zurück nach Dänemark mit meinen guten Neuigkeiten. Wir gehen Anker auf und machen uns auf den Weg zum Hafen. Im Stadthafen von Preveza gibt es keine Moorings, die ein Schiff vom Kai weg halten. Stattdessen wirft man vorn seinen eigenen Anker und macht dann mit dem Heck am Kai fest. Das ist in Griechenland üblich, aber nicht immer einfach. Oft sind mehrere Anläufe nötig, denn entweder man verschätzt sich in der Entfernung und wirft den Anker zu weit draußen, oder er hält nicht, oder er fällt ÜBER die Ankerkette des Nachbarn – da kann man vom Hafencafé aus oft ganz wunderbar unterhaltsame Szenen beobachten. Bei uns hat das meistens sehr gut geklappt.
Diesmal aber nicht.
Der Anker fällt und die Largyalo macht Rückwärtsfahrt. Eigentlich ist die Lücke groß genug, doch eine tückische Strömung zusammen mit einer kräftigen Böe von der Seite lassen uns abtreiben. Direkt auf den benachbarten Katamaran zu! Berti ist den stärkeren Radeffekt unserer neuen großen Propeller noch nicht gewohnt, und hört mein Geschrei „Abbrechen, abbrechen!“ nicht—- und es macht BUMS.
Wir erwischen den Steuerbord-Bug der Lagoon 400 mit unserem hinteren Beam, und zwar so heftig, daß das Backbord – Heck des italienischen Katamarans auch noch gegen die Hafenmauer dotzt.
Die italienische Crew, die uns Sekunden vorher noch mit begeisterten Rufen bewundert und fotografiert hat ist verständlicherweise bestürzt. Sie wollten eigentlich in den nächsten Minuten gerade auslaufen!
Wir sind auch ziemlich belämmert, als wir dann endlich festgemacht haben und den Schaden begutachten. Der Eigner, ein italienischer Walter aus Milano ist aber ganz gefaßt und veranlaßt gleich das Erscheinen eines Werft-Angestellten der benachbarten Marina. Wie befürchtet ist der Schaden am Heck besorgniserregender als die Beule am Bug. Jene kann man bei so einem Joghurtbecher einfach ausspachteln, doch die Macke am Heck ist gerade an der Wasserlinie, und da muß man überprüfen ob es undicht ist. Dazu müssen sie dann am Montag mit dem Kran aus dem Wasser. Werft statt Badebucht— was für ein Frust! Doch den haben sie augenscheinlich gar nicht so sehr. Walter ist superfreundlich, er kommt an Bord, um die Formalitäten zu klären und am Ende tröstet er fast mich, weil ich mich wohl mehr aufgeregt habe als er.

Also haben wir doch mal wieder Glück im Unglück. Zum ersten Mal in unserer fast 20jährigen Versicherungszeit bei Schomacker Yachtversicherungen Hamburg müssen wir eine Schadensmeldung absetzen, dürfen also damit rechnen, daß sie auch zahlen. Bisher waren es ja immer WIR gewesen, denen etwas „angetan“ wurde, wobei ich mich da ja jedesmal persönlich und körperlich verletzt fühle, wenn jemand an der Largyalo kratzt. Und nun sind wir selber die „Bösen“ und haben das Glück an diesen tiefenentspannten, fatalistischen Modell-Buddhisten zu geraten…
Unser hinterer Beam hat zwar eine fette Macke bekommen, aber so leicht wie Polyester bricht glasfaserverstärktes Vollholz nicht!
Den Rest des Tages verbringen wir in gedimmter Stimmung mit dem Entfernen unserer dicken Salzkruste und sonstigen Spuren unserer sportlichen Überfahrt.
Abends bringe ich noch vier Flaschen sizilianischen Lieblingswein zum Buddhisten, dann geht es zum fröhlichen Fisch-Restaurant und die Laune hebt sich wieder!

Doch die Nacht im Hafen ist fürchterlich: Als würden wir es magisch (oder es uns!) anziehen, liegen wir oft neben einem Karussell oder einem Rummelplatz. Die ganze Samstagnacht ein einziges Gedudel, Geschrei und Geklingel. In den Hafen steht ein starker Schwell, unser Anker hält nicht und wir bumsen ständig mit dem Heck an den Kai. Unser Hinterteil ist zwar mit Fendern gut geschützt, doch auf Dauer macht uns das Geruckel verrückt. Mitten in der Nacht turnen wir übers Deck, holen hier einen Festmacher dichter, schieben da noch eine Matte zwischen Rumpf und Holz. Während die Nachtschwärmer grölend und mopedjaulend über die Hafenpromenade ziehen springen wir im halbnackt umher, holen das Fahrrad aufs Schiff, ziehen das Dinghi hoch. Am liebsten würden wir die Motoren anwerfen und sofort ablegen. Doch wir warten bis es hell ist und sich Schwell und Strömung beruhigen. Ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung macht sich breit, als wir endlich aus dieser Lücke heraus und wieder draußen vor Anker sind: Herrliche Ruhe, dicke Schildkröten im grünen, aber sauberen Wasser – friedliches Putzen, weit entfernt von Musik, Motoren, Karussells und neugierig-gesprächigen Spaziergängern….
Häfen mögen wir nicht!

Petra, Berti, Manfred,Stefan: Dei Überführungs-Crew Sizilien-Griechenland

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