RIO DULCE – Ich glaub, ich steh im Wald
Nach sechzehn Jahren, in denen ich nun auf den Meeren
herumschwimme dachte ich ja, jetzt kann nichts mehr viel Neues kommen.
Doch weit gefehlt, denn seit zwei Wochen bade ich meine
Rümpfe in Süßwasser!
Es ist weit und breit kein Strand zu sehen, keine brechenden
Wellen, kaum Wind.
Ich liege still wie ein Flugzeugträger hier am hölzernen
Steg. Gleich dahinter beginnt der Urwald.
Statt Motorboot-Lärm knattern LKWs in der Ferne über die
Brücke, die den Fluß überspannt.
Statt Möwen kreischen hier Dschungelvögel, statt
Fregattvögeln sieht man überall weiße Reiher.
Nachts hüpfen die Brüllaffen durch die Bäume und machen
ihrem Namen alle Ehre.
Statt Delfinen und Goldmakrelen schwimmen nun Seekühe und
Krokodile unter mir.
Es ist so heiß, daß meine Öffnungen ständig offen gehalten
werden, um dann schnellstens wieder geschlossen zu werden, sobald die tägliche
Süßwasser-Dusche vom Himmel strömt.
Auf meiner Oberfläche ist nicht das kleinste Körnchen Salz
mehr zu spüren, was sich gut, aber ziemlich ungewohnt anfühlt.
Mein Liegeplatz ist so weit abgelegen, daß meine Leute, wie
sie es gerne tun und wie es mein Designer auch vorgesehen hat, meist ohne
Kleider auf mir herumlaufen. Mindestens einmal am Tag jedoch ziehen sie sich
minimal an und springen in ein großes Becken, in dem sich gechlortes Süßwasser
befindet.
Noch eine Woche wird das Süßwasserbad dauern, dann werde ich
hier von einem Traktor an Land gezogen. Auch das ist etwas noch nie da
Gewesenes, doch ich lasse ja alles mit
mir machen.
Gerade werde ich abgetakelt, das ist immer ein sicheres
Zeichen, daß ich für eine Weile nicht mehr „fliegen“ muß und man mich für zwei
Monate hier auf einem schönen, luftigen Platz ausruhen läßt.
Meine Abenteuer des ersten Halbjahres 22 werden erst
nachträglich beschrieben, weil meine Leute gerade alle Hände zu tun haben, um
mich vorzubereiten.






